Was bedeutet Show don't tell

Was bedeutet „Show don’t tell“?

In fast jedem Buch, Podcast oder Blog übers kreative Schreiben findet man den Rat „Show don’t tell“. Meist bezieht er sich auf Adjektive. Beispielsweise liest man oft, „Adjektive sind Totholz, schneide sie raus!“ Genauso stiefmütterlich behanden die Ratgeber Adverbien. Aber warum haut man Autoren ständig diese Regel um die Ohren?

Zunächst frischen wir einmal unser Schulwissen auf.

Adjektive

Adjektive sind „Eigenschaftswörter“. Das bedeutet, dass sie beschreiben, wie etwas ist. Beispiele: „Ein großer Mann“, „Das Wasser ist schmutzig

Das „etwas“ kann eine Person (Mann) sein, aber auch ein Gegenstand (Wasser). Allerdings können Adjektive auch etwas Abstraktes beschreiben. Zum Beispiel ein Gefühl. Und da stoßen wir auch schon auf ein Problem. Aber dazu gleich mehr!

Adverbien

Auch Adverbien beschreiben Eigenschaften. Allerdings die Eigenschaften von Verben. Anders ausgedrückt: Adverbien beschreiben, wie jemand etwas tut. Oder wie ein Gegenstand etwas tut. Beispiele: „‚Warte auf mich,‘ sagte sie schüchtern„, „Die Tür quietsche laut.“

Aber ich muss doch sagen, wie etwas ist!

Obwohl Adjektive und Adverbien so schön beschreiben, wie Dinge sind, soll man sie nicht verwenden? Warum denn bloß? Wie soll ich dem Leser denn sonst ein Gefühl für die Szene geben?

Zunächst einmal kann ich dich beruhigen: Natürlich darfst du Adjektive und Adverbien verwenden. ABER: Mache sie nicht zu deinen Sklaven! Bürde ihnen nicht die gesamte Last der Szene auf.

Was bedeutet Show don't tell

Adjektive alleine sind steril

Ich schreibe gleich mal einen kurzen Absatz. Darin werde ich genau das tun: Die Adjektive die ganze Arbeit machen lassen. Los geht’s:

Mit ernstem, melancholischen Blick schaute Yannis aus seinem kleinen, schmutzigen Fenster. Er konnte kaum den trüben, verdreckten Fluss sehen, der hinter seinem kleinen, ärmlichen Haus entlangkroch.

Hat dieser kurze Absatz dir ein Gefühl für die Szene gegeben? Wahrscheinlich hat er das, jedoch auf einer intellektuellen Ebene. Das Gefühl für die Szene musst du dir aus diesen sterilen Begriffen selbst ableiten. Auch ein Bild davon, wie es in Yannis‘ Umgebung aussieht, musst sich dein Gehirn erst erarbeiten.

Das Problem ist, dass die meisten Adjektive mehrere Dinge bedeuten können. „Schmutzig“ kann heißen, dass etwas dreckig ist. Genausogut kann es bedeuten, dass etwas anrüchig ist. „Verdreckt“ kann heißen, dass etwas mit Schlamm beschmiert ist. Aber auch, dass giftige Stoffe da sind, wo sie nicht hingehören. Unser Gehirn muss bei Adjektiven also erst einmal alle möglichen Bedeutungen abrufen. Am Ende muss es sich für eine davon entscheiden. Welche das ist, erschließt sich natürlich aus dem Zusammenhang. Aber unser Hirn macht diese Arbeit automatisch, wenn es einem Adjektiv begegnet. Du kannst es als Autor auch mit noch so vielen Nebeninfos nicht daran hindern. „Das erschließt sich doch aus dem Zusammenhang!“ ist also keine Ausrede dafür, deine Geschichte mit Adjektiven vollzuknallen.

Das Gehirn liebt Emotionen

Ich schreibe das Beispiel mal um:

Yannis musste sich bücken, um aus dem winzigen Fenster schauen zu können. Doch er sah ohnehin wenig, denn eine immerwährende Rußschicht lag von außen auf dem Glas. Das hatte Yannis der Fabrik zu verdanken. Sie hatte auch den Fluss hinter seinem Häuschen in einen langsam dahinkriechenden Abwasserkanal verwandelt. Yannis‘ Magen zog sich zusammen beim Gedanken, wie er als Kind in diesem Fluss geangelt hatte. Jetzt lebte dort nichts mehr.

Auf diese Weise formuliert bekommt der Leser viel mehr emotionale Informationen. Statt den Leser aufzufordern, „stell dir mal ein schmutziges Fenster vor“, beschreibe ich, warum das Fenster schmutzig ist. „Rußschicht“ und „Fabrik“ sind viel konkretere Informationen als „schmutzig“. Du erlaubst dem Leser damit, sich ein Bild vor seinem inneren Auge zu machen. Außerdem lädst du die Leser ein, eigene emotionale Informationen mit deiner Geschichte zu verweben. Eine Fabrik, die Ruß in die Luft schleudert und Flüsse unbewohnbar macht, ruft bei jedem unwillkürlich tief verwurzelte Emotionen hervor. Die bloßen Worte „schmutzig“, „trüb“ und „verdreckt“ tun das nicht.

Trotzdem verwende ich auch in der „besseren“ Version Adjektive (winzig, immerwährend) und Adverbien (langsam).

Show don’t tell!

Hier haben wir also ein klassisches Beispiel für diesen kryptischen Rat, den Autoren immer wieder bekommen: Show, don’t tell. Statt also mit einem Adjektiv zu sagen, wie etwas ist, beschreibst du die Umstände, die zu diesen Eigenschaften führten. Eben, weil du dann deinen Lesern erlaubst, Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben beim Lesen mit einzubringen. Emotionale Reaktionen rufen unmittelbar ein Bild in unseren Köpfen hervor.

Dadurch wird „Show, don’t tell“ zu einem wichtigen Werkzeug, wenn die Leserin sich an deine Geschichte erinnern soll. Hast du ihr lauter abstrakte Adjektive gegeben und ihr Hirn intelektuell arbeiten lassen, wird ihr die Geschichte trocken und distanziert vorkommen. Erlaubst du ihr aber, eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und Emotionen zu erleben, wird sie tief in die Geschichte eintauchen.

Wo ist das Problem bei Adverbien?

Ähnliches wie für Adjektive gilt für Adverbien. Auch sie drücken Dingen und Charakteren einen abstrakten Stempel auf. Dadurch machen sie dem Leserhirn ebenfalls zu viel Arbeit.

Mal ein Beispiel: „Ich wollte auch gerne mitkommen,“ sagte sie traurig. Das Adverb hier ist „traurig„. Doch woher weiß der Erzähler, dass der Charakter den Satz auf eine traurige Weise sagt? Das verrät er uns leider nicht. Die Leserin muss jetzt aus ihrer Erinnerung selbst hervorkramen, wie eine traurige Person aussieht und spricht. Denn du, lieber Autor, hast uns ja nur einen grauen Blob mit der Aufschrift „traurig“ gegeben!

Stattdessen könnte man schreiben: Mit gesenktem Kopf und leiser Stimme sagte sie, „Ich wollte auch gerne mitkommen.“ Diese Infos reichen völlig, damit es beim Leser sofort „Klick“ macht. Weil er die Situation vor sich sieht. Dadurch interpretiert sein auf Emotionen gedrilltes Hirn sofort, wie es der Sprecherin geht.

Show don’t tell ist gut fürs Hirn

Kurzum: Gibt dem Leser alle Infos, die er braucht, um die Situation selbst einschätzen zu können! Die Fähigkeit, Emotionen anderer aufgrund des Blicks, der Körperhaltung und der Stimme zu interpretieren haben wir Menschen schon viel, viel länger als die Worte, die diese Emotionen beschreiben. Diese Fähigkeit sitzt also viel tiefer im Gehirn und „funktioniert“ viel schneller als das Interpretieren von Wortbedeutungen.

Wie strukturiert man einen Roman?

Um deinen Roman so zu planen, dass er gute Chancen bei den Lesern oder sogar einem Verlag hat, musst du einige Dinge beachten. Hier gebe ich dir einen Überblick über den Aufbau eines „guten“ Romans.

Ob du dieser Struktur folgst, ist natürlich vollkommen dir überlassen. Doch ein Leser (oder Zuschauer, denn Filme folgen demselben Schema) erwarten diese Struktur. Nicht bewusst, natürlich. Aber wir alle haben unglaublich viele Geschichten gelesen, gesehen und gehört, die auf diese Weise aufgebaut waren. Darum sind wir unzufrieden und fühlen, dass etwas „fehlt“, wenn eine Geschichte zu sehr von dieser Struktur abweicht.

Ein Wort der Warnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ (J.K.Rowling), „Turtles All the Way Down“ (John Green) und „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ (Robin Sloan).

Aber genug der Vorrede, hier ist die Struktur einer guten Geschichte in ganzen drei Worten:

Aufmacher, Steigerung und Lösung

Diese drei Bestandteile braucht jeder Roman. Der Aufmacher sollte ungefähr das erste Viertel des Romans umfassen. Die Steigerung macht die Hälfte des Umfanges der Geschichte aus. Die Lösung erstreckt sich dann über das letzte Viertel. Doch was bedeuten diese drei Worte eigentlich? Schauen wir uns das einmal genauer an:

Der Aufmacher

Der Aufmacher kommt, wie der Name schon vermuten lässt, an den Anfang des Romans. Man könnte ihn auch „Köder“ oder „Fanghaken“ nennen, denn er soll den Leser in den Bann der Geschichte ziehen. Der Aufmacher hat eine unglaublich wichtige Aufgabe: den Leser davon zu überzeugen, dass deine Geschichte lesenswert ist.

Wie schafft man das? Indem man ein interessantes Problem in den Aufmacher packt. Und zwar am besten gleich in den ersten Satz.

Beispiel: Harry Potter

Nehmen wir als Beispiel mal den ersten Satz aus „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“:
Mr and Mrs Dursley of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Die Dursleys sind also ganz normale Leute und wollen auch gerne, dass das so bleibt. Die Art, wie dieser Satz formuliert ist, lässt den Leser sofort vermuten, dass das Schicksal den Dursleys diesen Gefallen leider nicht tun wird. Sofort ist man neugierig, welche ungewöhnlichen Ereignisse denn den wundervoll normalen Alltag der Dursleys durchbrechen wird.

In diesem Artikel benutze ich den ersten Band von „Harry Potter“ als Beispiel für eine Geschichte mit einem betont externen Genre – also ein Genre, in dem die Handlung das wichtigste ist. Über Genres schreibe ich bald auch ausführlicher.

Beispiel: Turtles All the Way Down

Der erste Satz aus „Turtles All the Way Down“ von John Green geht so:
At the time I first realized I might be fictional, my weekdays were spent at a publicly funded institution on the north side of Indianapolis called White River High School, were I was required to eat lunch at a particular time
beteween 12:37 p.m. and 1:14 p.m.by forces so much greater than myself that I couldn’t even begin to indentify them.
Der erste Gedanke scheint sehr merkwürdig. Warum sollte die Protagonistin glauben, sie sei nicht echt? Der Leser ist neugierig und liest weiter.

„Turtles All the Way Down“ soll mein Beispiel für ein Buch sein, in dem das interne Genre eine große Rolle spielt. Bei internen Genres steht nicht die Handlung, sondern die persönliche Entwicklung des Protagonisten im Vordergrund.

Der Aufmacher zeigt, wovon das Buch handelt

Der Aufmacher stellt also den zentralen Konflikt der Geschichte vor und enthält das auslösende Ereignis (dazu schreibe ich auch bald noch mehr). Im ersten Kapitel von Harry Potter wird dem Leser klar, dass es eine Welt gibt, die neben der unseren existiert und dass Harry zu dieser wunderbaren Welt gehört – was seinem Onkel und seiner Tante so gar nichts in den Kram passt. Außerdem wird im ersten Kapitel auch gleich der Antagonist der Geschichte vorgestellt: Lord Voldemort. Dass er gleich zu Beginn erwähnt wird, zeigt dem Leser, dass er noch eine wichtige Rolle spielen wird. Damit hat das erste Kapitel die gesamte Handlung des Buches vorbereitet.

Im ersten Kapitel von „Turtles All the Way Down“ wird dem Leser schnell klar, dass es Aza Holmes nicht gut geht. Ihre Zwangstörung bestimmt ihr gesamtes Denken und Handeln. Und zwar so sehr, dass sie kaum mitbekommt, wie ihre Freunde über den verschwundenen Mann und die Belohnung von Einhundertausend Dollar reden. Und so wird auch im ersten Kapitel dieses Buches die gesamte Geschichte vorbereitet.

Nur so am Rande: Die allermeisten Geschichten haben sowohl einen externen als auch einen internen Konflikt.
Der interne Konflikt in „Harry Potter“ ist, dass Harry akzeptieren muss, dass er viel mehr ist, als er immer dachte. Er muss seinen Platz in der Welt der Zauberer finden.
Der externe Konflikt in “ Turtles All the Way Down “ ist der verschwundene Mann.

Es gibt allerdings auch Geschichten, vor allem lange Serien, in denen es kaum bis gar keinen internen Konflikt gibt. Siehe zum Beispiel Sherlock Holmes, die älteren James Bond-Filme, oder Hercule Poirot.

Zur Zusammenfassung: Der Aufmacher soll den Hauptkonflikt der Geschichte vorstellen und das auslösende Ereignis enthalten. Beide müssen interessant sein, damit der Leser wissen möchte, wie es weitergeht.

Die Steigerung

Dies ist der Mittelteil der Geschichte. Hier versucht der/die Protaginist(in), den internen und/oder externen Hauptkonflikt zu lösen. Schauen wir uns die beiden Hauptkonflikte einmal genauer an:

Der interne Konflikt

Der Protagonist muss ein Problem lösen, dass durch sein Selbstbild oder prägende Charaktereigenschaften verursacht wird.
Harry Potter muss lernen, ein Zauberer zu sein und sich in der Zauberwelt zurechtzufinden.
Aza hingegen muss lernen, trotz ihrer Zwangsstörung körperliche Nähe zuzulassen und ein „normales“ Leben zu führen.

Der externe Konflikt

Die Protagonistin wird vor eine „äußere“, also auch für andere Menschen sichtbare Aufgabe gestellt, die sie lösen muss.
Harry muss Voldemort daran hindern, den Stein der Weisen in die Hände zu bekommen.
Aza muss den verschwundenen Mann finden, um die Belohnung zu bekommen.

Hindernisse prägen die Steigerung

Die Protagonistin macht sich also auf, die gestellte Aufgabe – intern und extern – zu lösen. Dabei scheitert sie allerdings mehrere Male. Das Scheitern kann durch äußere Umstände verursacht werden (Ein riesiger, dreiköpfiger Hund schneidet den Weg zum Stein der Weisen ab). Es kann aber auch dadurch verursacht werden, dass die Protagonistin ihren inneren Konflikt auf die falsche Weise zu lösen versucht (Aza ignoriert ihre Therapeutin und nimmt ihre Medikamente nich regelmäßig).

Wichtig ist der Versuch-und-Irrtum-Zyklus. Der Protagonist versucht, den Konflikt auf eine bestimmte Weise zu lösen und scheitert. Er versucht es auf eine andere Weise und scheitert wieder. Er probiert vielleicht auch einen dritten Anlauf und scheitert erneut.

Besipiel „Harry Potter“: Hier gibt es einige deutliche Versuch-und-Irrtum-Zyklen:

  • Harry will Recherchen anstellen über Nicholas Flamel, wir aber abgelenkt von seiner Faszination mit dem Spiegel Nerhegeb.
  • Quirrell benimmt sich verdächtig, doch Harry will sich nicht mehr in Dinge einmischen, seit ein nächtliches Abenteuer ihn viele Hauspunkte gekostet hat
  • Harry, Ron und Hermine interpretieren Snape’s Verhalten und versuchen, Schlüsse daraus zu ziehen über dessen finstere Pläne. Zum Schluss stellt sich heraus, dass sie sich sehr in Snape getäuscht haben.

Beispiel „Turtles All the Way Down“: Hier sind die Versuch-und-Irrtum-Zyklen viel kürzer, aber auch viel zahlreicher:

  • Aza möchte eine Beziehung führen mit Davis, aber ihre panische Angst vor Bakterien und ihre Angst, dass Davis sie deswegen zu merkwürdig findet, um mit ihr zusammen sein zu wollen, stören die Romantik immer wieder.
  • Aza möchte mit ihrer Zwangstörung leben lernen, doch ihre zwanghaften Gedanken lenken sie ab von dem, was ihre Therapeutin sagt.
  • Aza ist besessen von der Idee ihres „Selbst“ und hat große Angst davor, dieses Selbst durch Medikamente zu verändern. Darum nimmt sie ihre Medikamente für die Zwangsstörung oft nicht. Dadurch verschlimmern sich ihre zwanghaften Gedanken und sie gleitet immer tiefer in die Spirale ab.

Aus der Verzeweiflung erwächst der Held

Am Ende der Steigerung steht die Verzweiflung. Der Protagonist wird zum Handeln gezwungen, weil sonst etwas Schreckliches passiert: Harry erfährt, dass Voldemort nun endlich weiß, wie er an den Stein der Weisen herankommen kann.
Aza kommt nach einem Unfall ins Krankenhaus. Ihre große Angst vor Krankenhauskeimen führt dazu, dass sie Desinfektionsmittel trinkt und damit ihr Leben gefährdet.

Zusammenfassung: Innerhalb der Steigerung versucht der Protagonist, den Hauptkonflikt zu lösen, scheitert aber immer wieder. Am Ende steht er vor der Verzweiflung und wird dadurch zum richtigen Handeln gezwungen.

Die Lösung

Am Ende des Buches muss der Protagonist beide Konflikte lösen.

Die Lösung des internen Konfliktes in den meisten Geschichten lässt sich oft ganz einfach zusammenfassen: Sei dir selbst treu und akzeptiere Hilfe, statt deine Probleme zu verleugnen.
Harry nimmt seine Identität als Zauberer vollkommen an und schult seine Fähigkeiten (er hätte auch vor Voldemort flüchten und sich für immer verstecken können).
Aza wird ihre Zwangsstörung niemals ganz überwinden, doch sie kann lernen, mit ihr zu leben. Sie nimmt ihre Therapie ernster und nimmt regelmäßig ihre Medikamente.

Die Lösung des externen Konflikts ist meist von der Lösung des internen Konflikts abhängig.
Weil Harry seine Identität als Zauberer vollkommen angenommen hat und seine Zauberkunst geschult hat, kann er sich Voldemort stellen.
Azas Therapie ermöglicht es ihr, wieder mit der Welt zu interagieren. Dadurch findet sie heraus, wo der verschwundene Mann sein könnte.

Überraschend und unausweichlich

Die Lösung des externen Konflikts liegt darin, eine zündende Idee zu haben. Und jetzt kommt das Schwierigste, was eine Geschichte aber unglaublich befriedigend machen kann: Die Lösung des externen Konflikts sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Was bedeudet das? Hier mal zwei Beispiele:

Harry sah am Ende im Spiegel Nerhegeb, dass der Stein der Weisen in seiner Tasche ist. Das ist überraschend. Aber es ist auch unausweichlich, nachdem sowohl der magische Spiegel Nerhegeb als auch Harrys verzweifelter Wunsch, den Stein vor Voldemort zu retten, vorher in der Geschichte eingeführt wurden.

Noch ein Buch mit starkem externem Konflikt: „Mr. Penumbra’s 24-Hour Book Store“ von Robin Sloan. Die Nachricht, nach der alle so verzweifelt suchten, war in den Lettern des Bleisatzes der Schriftart „Gerritszoon“ versteckt. Das war überraschend, aber unausweichlich, da es in der Geschichte immer wieder um alte Bücher ging, die in dieser Schriftart gesetzt waren.

Das Geheimnis einer befriedigenden Auflösung des externen Konfliktes ist also: Die Protagonistin sammelt im Laufe der Geschichte alle Werkzeuge, die sie für die Lösung braucht. Aber erst am Ende wird deutlich, wie sie diese Werkzeuge einsetzen muss. Von dir als Autor erfordert das Fingerspitzengefühl: Erwähne die Werkzeuge in der Geschichte, aber hau sie dem Leser nicht super-offensichtlich um die Ohren.

Hier ist mal eine Veranschaulichung des Spannungsverlaufs in einem Roman:

Wie strukturiert man einen Roman?
Wie strukturiert man einen Roman?

Zusammenfassung: Um den internen Konflikt zu lösen, muss der Protagonist sein „wahres Ich“ entdecken.
Um den externen Konflikt zu lösen, muss die Protagonistin die Dinge, die sie gelernt hat, auf die richtige Weise kombinieren. Die Lösung des externen Konflikts sollte für den Leser trotzdem überraschend sein.

Analysiere dein Lieblingsbuch

Demnächst werde ich mal ein Buch auseinandernehmen und seine Struktur hier im Blog analysieren. Das ist übrigens auch die beste Übung, um sich diese Struktur einzuprägen! Also, schnapp dir deinen Lieblingsroman und suche nach dem auslösenden Ereignis, den Versuch-und-Irrtum-Zyklen, dem Moment der Verzweiflung und der zündenden Idee. Was hat die Auflösung des Konflikts überraschend, aber unausweichlich gemacht? Du wirst sehen, dass dir diese Struktur bald überall auffällt!

30 Schreibtipps, die dich zu einem besseren Autoren machen

Was ist eine „gute“ Geschichte? Was kann ich tun, damit der Leser bei meiner Geschichte bleibt? Wie schreibt man Charaktere, an die der Leser sich noch lange erinnern wird?

Diese Liste der 30 Schreibtipps, die dich zu einem besseren Autoren machen, beantwortet einige dieser Fragen. Im Laufe der Zeit werde ich sie ausbauen und ergänzen. Teil deine eigenen Schreibtipps in den Kommentaren!

Der Schreibprozess und die Liebe zum Schreiben

  • Du schreibst, weil du Geschichten in dir hast, die du erzählen möchtest.
  • Du schreibst zuallererst, um zu schreiben. Nicht, um gelesen zu werden, das kommt viel später.
  • Dein erster Entwurf wird furchtbar sein. Schreib ihn zu Ende und überarbeite ihn.
  • Hab Geduld! Eine richig gute Geschichte braucht mehrere Monate, manchmal Jahre, um zu reifen und zu dem zu werden, was sie sein kann.
  • Wenn du das Gefühl hast, dass du alles überarbeitet hast, lass deine Geschichte ein, zwei Monate liegen. Du wirst überrascht sein, wie viele Fehler/Plotholes/Ungereimheiten du nach dieser Pause noch entdeckst.
  • Überarbeite deine Geschichte, bis sie richtig gut ist. Und dann, gib sie ab, schicke sie weg! Irgendwann veränderst du nämlich nur noch, statt zu verbessern.
  • Es wird immer jemanden geben, dem deine Geschichte nicht gefällt. Ignorier diese Menschen und konzentrier dich auf diejenigen, die deine Geschichte mögen.
  • Vergiss nie, dass es deine Geschichte ist. Sie bereichert dein Leben.

Schreibtechnik

  • Variiere deine Sätze. Lang oder kurz, einfach oder zusammengesetzt, mit oder ohne Einschübe.
  • Schreibe in einfacher Sprache. Deine Leser sind nicht beeindruckt, wenn du schlaue Wörter benutzt. Auch nicht, wenn du deine Sätze bis zur Unkenntlichkeit verschachtelst. Im schlimmsten Fall unterbricht das den Lesefluss und der Leser versteht nicht mehr, was in deiner Geschichte passiert.
  • verwende Adjektive und Adverbien sehr sparsam. Eines pro Substantiv bzw. Verb ist mehr als genug. Versuche stattdessen, spezifischere Substantive und Verben zu verwenden.
    Beispiele:
    • Statt „Ein großer, dicker Mann“„Ein Kerl von hundertfünfzig Kilo“.
    • Statt „‚Oh nein!‘ sagte sie laut„‚Oh nein!‘ schrie sie.“
      (Adjektive und Adverbien habe ich fettgedruckt markiert).
  • Vermeide Negative. Sie schließen nur eine einzige Sache aus, geben dem Leser aber keine Möglichkeit, sich die Situation bildlich vorzustellen.
    • Statt „Es waren keine Möbel im Raum.“„Der Holzfußboden war mit einer Staubschicht bedeckt, die an jenen Stellen dünner war, wo zuvor Möbel gestanden hatten.“
  • Sei spezifisch! Je genauer du etwas beschreibst, desto lebhafter das Bild im Kopf des Lesers. Beispiele:
    • Statt „Ein Fisch“ „Eine fette Forelle“
    • Statt „Ein Fahrrad“ „Ein klappriges Herrenrad, dessen schicker Ledersattel auffällig neu aussah.“
  • Verwirf die ersten drei Ideen zu allem. Die ersten drei Dinge, die dir einfallen, sind garantiert Klischees, weil du diese Dinge schon tausendmal gesehen, gehört und gelesen hast und sie deshalb in deinem Kopf ganz vorne sind.

Weltenbau / World Building

  • Vermeide „Informations-Lawinen“. Nichts ist langweiliger als seitenweise Erklärungen, wie deine Welt funktioniert. Ich weiß, du willst unbedingt, dass dein Leser sieht und versteht, wie wunderbar diese Welt ist, die du dir ausgedacht hast. Aber führe sie Stück für Stück ein. Gib dem Leser immer nur die Information, die er jetzt gerade braucht.
  • Recherchiere, recherchiere, recherchiere! Welt und Charaktere sollen den Leser einladen, in sie einzutauchen. Das erreichst du, indem du sie so realistisch wie möglich gestaltest. Du wirst (und solltest!) wahrscheinlich nur einen Bruchteil der recherchierten Informationen in der Geschichte verwenden, aber spezifische Begriffe und glaubwürdige Beschreibungen von Abläufen machen deine Geschichte lebendig.
    Beispiele:
    • Deine Geschichte spielt auf einem Piratenschiff. Lerne alles über die unterschiedlichen Arten von Schiffen, die Namen der Bauteile, die Titel und Aufgaben aller Besatzungsmitglieder, etc.
    • Der Planet, auf dem deine Geschichte spielt, hat drei Monde. Was bedeutet das für die Gezeiten? Welche Umlaufbahnen haben sie und wie groß und hell sind sie? Gibt es dadurch öfter eine Sonnenfinsternis, vielleicht täglich? Reicht das Mondlicht einigen Pflanzen, um nachts Photosynthese zu betreiben? Sind mehr Tiere nachtaktiv, weil es nachts recht hell ist? Oder sind die Monde so klein, dass all das keine Rolle spielt? Sind sie aus verschiedenen Mineralien aufgebaut und werden von der Bevölkerung des Planeten als Rohstoffquellen benutzt? Etc, etc…
  • Lass deine Charaktere etwas tun, was dem Leser zeigt, wie die Welt funktioniert, statt einfach zu sagen, wie sie funktioniert.
    Beispiel:
    • Statt „Eine Chemikalie in der Atmosphäre sorgte dafür, dass das Regenwasser in vielen Farben getönt war.“ „Es sah nach Regen aus. Sie musste schnell die Wäsche reinholen, sonst sähe Felix‘ weißes Hemd morgen aus, als hätte ein Einhorn daraufgekotzt.“ (Dieser Satz erfüllt auch gleich noch den Zweck, dem Leser mitzuteilen, dass es in der Welt Einhörner mit Regenbogenkotze gibt. Oder, dass die Protagonistin einen trockenen Humor hat).
  • Deine Welt, so verrückt sie auch ist, ist deinen Charakteren völlig vertraut. Schließlich leben sie in ihr. Sie würden also nicht denken, „Das hellrosa Laub bildet einen schönen Kontrast mit dem tiefdunklen Baumstamm,“ sondern vielleicht nur, „Da steht ein Baum.“ Oder gar nichts, weil sie seit Jahren im selben Haus wohnen und der Baum ihnen nicht mehr auffällt, weil er da schon immer steht. Wenn du etwas einführen willst, was für den Leser ungwohnt ist, für die Charaktere aber völlig normal, hast du zwei Möglichkeiten:
    • Es muss sich ändern („Die heftige Dürre hatte das Laub der Bäume vertrocknen lassen. Der Wald, sonst saftig rosa, war nun vollkommen hellgrau“).
    • Dein Charakter muss es auf eine Weise gebrauchen, die ihn oder sie über die Eigenschaften nachdenken lässt („Sie fragte sich, ob sie einfach ein paar Blätter von einem Baum pflücken und zerreiben konnte, um rosa Farbstoff zu bekommen“).
  • Die Welt existiert unabhängig von den Charakteren. Sie ändert sich und zwingt die Charaktere, darauf zu reagieren (Wetter, Jahreszeiten, Tektonik, etc.). Die Charaktere haben nur einen sehr kleinen Einfluss auf die Welt (soll heißen, sie ).
  • Daran anschließend: Nichts und niemand in der Geschichte kann die Naturgesetze ändern. Wenn eine große Veränderung in der Welt geschieht, muss sie sich im Rahmen der Naturgetze bewegen. Sie muss außerdem einmalig und einschneidend sein und die Charaktere zwingen, darauf zu reagieren. Benutze keine „Wunder“, weil du nicht weißt, wie du sonst die Geschichte weiterbringen sollst. Dann fühlt der Leser sich betrogen, denn er oder sie hat sich in die Welt eingelebt. Wenn du die Welt plötzlich umschmeißt, hat der Leser seine Zeit und Liebe umsonst investiert.

Charaktere

  • Deine Charaktere sollten zuerst interessant sein. Ob sie sympatisch sind, spielt eine viel kleinere Rolle (siehe z. B. Doctor House, Sherlock Holmes wie er von Benedict Cumberbatch gespielt wird, Peggy Olson in Mad Men, etc.)
  • Recherchiere, recherchiere, recherchiere! Hat dein Protagonist etwas, was sie oder ihn von der allgemeinen Bevölkerung abhebt? Dann musst du genau wissen, wie so eine Person lebt und mit welchen täglichen Herausforderungen er oder sie zu kämpfen hat. Das gilt ganz besonders, wenn du über Angehörige von Minderheiten schreibst.
    Beispiele:
    • Deine Protagonistin ist sehr groß. Geht sie leicht gebückt und mit gesenktem Kopf, um kleiner zu wirken? Oder spielt sie seit ihrer Kindheit sehr erfolgreich Basketball, ist dadurch sehr selbstbewusst und dominiert sofort jeden Raum, den sie betritt?
    • Dein Protagonist wurde mit nur einer Hand geboren, arbeitet jedoch erfolgreich als Automechaniker. Wie sieht sein Arbeitsalltag aus, welche Werkzeuge benutzt er wie? Ist er von Natur aus Linkshänder, muss aber vor allem mit rechts arbeiten? Hatte dieses Umtrainieren folgen für seine Psyche?
  • Charakterisiere deine Protagonisten indirekt und mit Hilfe ihrer Persönlichkeit, statt direkt und mit Hilfe ihres Aussehens.
    Beispiele:
    • Statt direkt: „Er war groß und athletisch gebaut“ — indirekt: „Mühelos kletterte er über den hohen Zaun und landete elegant auf der anderen Seite.“ (Dieser Satz erfüllt gleichzeitig noch die Aufgabe, den Charakter als furchtlos, impulsiv oder auch respektlos vor dem Eigentum anderer darzustellen. Welche dieser Eigenschaften es ist, sollte im Laufe der weiteren Geschichte klar werden.)
    • Statt Aussehen: „Sie war sehr gutaussehend.“ — Persönlichkeit: „Sie war immer derjenige im Raum, um die andere sich am schnellsten versammelten.“
  • Bringe nur die Eigenschaften deines Charakters ins Spiel, die in der aktuellen Szene von Bedeutung sind. Vermeide eine ausführliche Beschreibung der Charaktere am Beginn der Geschichte. Für den Leser ist es viel befriedigender, die Charaktere nach und nach kennenzulernen und eigene Schlüsse über deren Persönlichkeit zu ziehen.
  • Alles, was deine Charaktere haben oder können, müssen sie sich verdient haben. Sie mussten Zeit und Mühe investieren und Opfer bringen, um das zu erreichen, was sie haben. Dein Charakter kann nicht alles haben. Aber die Dinge, die sie oder er hat, sollten spezifisch und interessant sein.
    Beispiele:
    • Jemand, der den schwarzen Gürtel in Karate hat, Rettungschwimmer ist und einen Doktortitel in Molekularbiologie hat, hatte wahrscheinlich nie viel Zeit für Freunde und ist darum sozial etwas unbegabt.
    • Jemand mit einem großen Freundeskreis, der um die Welt jettet und bei allen Festivals dabei ist, ist akademisch wahrscheinlich keine riesige Leuchte.
  • Deine Charaktere müssen Schwächen haben. Ja, müssen. Ein Charakter, dem alles sofort gelingt, der immer alles richtig macht und immer im Recht ist, ist langweilig und unrealistisch.
  • Deine Charaktere müssen* sich im Laufe der Geschichte entwickeln. Das kann eine positive oder negative Entwicklung sein.
    Beispiele:
    • Sie lernt etwas, was sie vorher nicht konnte oder wusste. Das ist mühevoll und sie scheitert mehrmals.
    • Er muss sich im Laufe der Geschichte eingestehen, dass sein Selbstbild falsch ist und er an seiner Persönlichkeit arbeiten muss.
    • Sie traut sich etwas, wovor sie am Anfang noch große Angst hatte.
    • Er versteht nun besser, warum eine bestimmte Person so agiert, wie sie agiert. Das führt zur Versöhnung mit einem Feind oder zum Zerwürfnis mit einem Freund.
    • Sie stellt fest, dass das Leben leichter ist, wenn man eine bestimmte Sache tut oder lässt. Dadurch wird sie charakterlich, intelektuell oder körperlich schwächer.
      (*es gibt Ausnahmen. Wenn du zum Beispiel eine lange Reihe von Romanen mit derselben Hauptperson schreibst, darf er oder sie unverändert bleiben. Siehe z.B. Sherlock Holmes, Hercule Poirot, James Bond, etc. )
  • Der Tod eines Charakters muss Konsequenzen für die Geschichte und die anderen Charaktere haben. Führe einen Charakter nicht nur dazu ein, damit du ihn oder sie später als „Schocker“ umbringen kannst.
  • Umgekehrt: Hat ein Charakter seinen Zweck in der Geschichte erfüllt, lass sie oder ihn sterben, eben weil es die anderen Charaktere zwingt, ohne diese Person weiterzukommen.
    Beispiel: Sirius Black und Albus Dumbledore mussten sterben, damit Harry Potter gezwungen ist, erwachsen zu werden und seine Aufgabe aus eigener Kraft zu beenden.
  • Der Tod eines Charakters sollte unerwartet und für die anderen Charaktere (und damit den Leser) „schrecklich“ sein. Wenn ein Charaktertod vorhersehbar ist, dann müssen die Konsequenzen unvorhergesehen sein.
    Beispiel: Nach dem Tod ihres Großvaters, der lange krank war, kommt ein Testament ans Tageslicht, nachdem ihre Mutter nicht ihre wirkliche Mutter zu sein scheint.

Muss man alle Schreibregeln beachten?

So, nun habe ich dir diese Mammutliste um die Ohren gehauen. Wenn du eine oder mehrere oder alle Schreibregeln doof findest, dann ignorier sie. Nichts von alledem ist in Stein gemeißelt. Das Schreiben soll dir vor allem Freude machen. Wenn du deine Geschichte allerdings publizieren möchtest, solltest du dich zumindest grob an diesen Regeln orientieren.

Habe ich Schreibtipps vergessen? Hast du einen Tipp, der dir beim Schreiben guter Geschichten hilft? Schreib ihn in die Kommentare!