für ein Genre schreiben

Für ein Genre schreiben: Welche Romangenre gibt es? – Teil 3

Das Cover und der Klappentext deines Buches verraten deinen Lesern das Genre deines Romans. Wenn du diese Erwartungen in der Geschichte nicht erfüllst, werden sie enttäuscht sein. Im besten Fall landet dein Buch nach dem Lesen in der Spendenkiste. Im schlimmsten Fall bekommst du eine negative Rezension. Für ein Genre schreiben – wie geht das eigentlich? Das erfährst du hier, im dritten Teil meiner Blogserie über Romangenre.

In Teil 1 hast du erfahren, welche externen Romangenre es gibt. In Teil 2 ging es um die internen Romangenre. Wie bedient man diese Genre beim schreiben?

Eine Geschichte gehört zu einem bestimmten Genre, weil es die Pflichtszenen des entsprechenden Genres enthält. Diese Pflichtszenen erwarten Leser an den Eckpunkten der Geschichte. Wenn du also für ein Genre schreiben willst, musst du die entsprechenden Szenen bringen, damit du Leser dieses Genres mit deiner Geschichte begeistern kannst.

Für eine Genre schreiben verlangt Pflichtszenen

Erinnerst du dich an den Artikel über den den Aufbau eines Romans? Dort findest du die drei Strukturelemente, die jeder Roman braucht: Aufmacher, Steigerung und Lösung.

für ein Genre schreiben

Die Pflichtszenen des Aufmachers

Im Aufmacher gibt es zwei Pflichtszenen: Das auslösende Ereignis und den Sprung ins Abenteuer.

Das auslösende Ereignis

Das auslösende Ereignis kann eine Entscheidung deiner Heldin sein. Zum Beispiel könnte sie ein Studium in einer fremden Stadt beginnen oder sich aufmachen, den Mord an ihrem Bruder zu rächen.
Aber auch der Zufall kann das auslösende Ereignis verursachen. So könnte ein Kommilitone vor einer Minute das letzte Exemplar des Buches ausgeliehen haben, das deine Heldin unbedingt zum Lernen braucht. Oder jemand wirft eine Mikrowelle aus dem Fenster, die einen Blindenhund erschlägt.

Wahrscheinlich hast du sofort Ideen für eine Geschichte gehabt, als du diese Beispiele für auslösende Ereignisse gelesen hast. Besonders das Beispiel mit dem Bibliotheksbuch schreit geradezu nach einer Romanze.

Aber da haben wir auch schon ein Problem: Klischees. Ja, du brauchst bestimmte Pflichtszenen, wenn du für ein Genre schreiben willst. Dazu gehört ein auslösendes Ereignis, das dein Genre bedient. Im Genre Liebesroman wäre das der Moment, in dem die Turteltäubchen sich begegnen. Doch es gibt so unglaublich viele Liebesromane und romantische Filmkomödien, dass das Publikum sich inzwischen schnell langweilt. Die Lösung: Erfinde die Pflichtszenen neu! Gib ihnen einen unerwarteten Dreh. Beispielsweise könnte die Protagonistin sich selbst in die WG des Kommilitonen einladen, um mit ihm gemeinsam zu lernen. Dort trifft sie seine Mitbewohnerin, die sie sofort total sympathisch findet. Damit hast du das Treffen der zukünftig Verliebten erfüllt, aber den Leser doch ein bisschen an der Nase herumgeführt. Erfrischend, aber nicht enttäuschend! Demnächst schreibe ich noch etwas dazu, wie man Pflichtszenen neu erfindet. Das geht nämlich ganz einfach und systematisch.

Das auslösende Ereignis muss also typisch für das Genre sein, für das du schreibst. Im Liebesroman müssen die Liebenden sich am Anfang begegnen. Im Krimi muss es am Anfang einen Mord geben. In einem Action-Thriller steht ein (evt. in letzter Minute vereiteltes) gewaltsames Verbrechen mit vielen (möglichen) Opfern oder einem wichtigen Opfer am Anfang. In einem Horror-Roman sind es unheimliche Ereignisse, die die Geschichte auf den Weg bringen.

Der Sprung ins Abenteuer

Du erinnerst dich vielleicht, dass der Aufmacher ungefähr das erste Viertel der Seitenanzahl deines Buches umfassen sollte. Das Auslösende Ereignis sollte dabei ganz am Anfang stehen. Am besten sogar gleich im ersten Satz. Beispiel: „Dieses dämliche charmante Lächeln würde mich meine Bachelorprüfung kosten.“

In den darauf folgenden Seiten entfaltet sich die Geschichte bis zu dem Punkt, an dem das Abenteuer so richtig losgeht. In unserem Liebesroman wäre das eine Szene, in der Unsere Heldin sich selbst eingestehen muss, dass sie Gefühle hat für die Mitbewohnerin des Buchdiebes. Dieser Punkt markiert den Sprung ins Abenteuer. Er befindet sich am Ende des Aufmachers.

Der Sprung muss übrigens nicht freiwillig sein. Der Held kann auch ins Abenteuer gestoßen werden. Beispiel: Der Protagonist muss einen neuen Blindenhund beantragen. Dabei muss er sich durch einen riesigen bürokratischen Dschungel kämpfen. Im Zuge dieses Kampfes fallen ihm Ungereimtheiten auf, die er aufklären muss, wenn er je wieder einen Hund bekommen möchte. Und schon findet sich dein Held in einem politischen Thriller wieder.

Zusammenfassend: Die Pflichtszenen des Aufmachers sind das auslösende Ereignis ganz am Anfang und der Sprung ins Abenteuer als letzte Aufmacher-Szene.

Die Pflichtszenen der Steigerung

Der Mittelteil deines Buches sollte vom Umfang her etwa die Hälfte ausmachen. Hier versucht dein Protagonist, sein Problem zu lösen. Dabei scheitert er aber immer wieder. Die Probleme nehmen zu, bis der Held schließlich verzweifelt.

Die Pflichtszenen während der Steigerung beschreiben diese Probleme. Dabei solltest du etwa drei Zyklen von Versuch und Scheitern beschreiben. In der ersten Szene ist das Problem noch klein. Beispiel: die Heldin hat ein romantisches Date mit ihrer Flamme. Das Date verläuft toll. Am Ende sagt der Schwarm (die Schwärmin?), dass sie noch nie mit einem Mädchen zusammen war, die Heldin aber toll findet und es versuchen möchte.

In der zweiten Szene wird das Problem größer. Die beiden Mädchen sind zusammen, aber die eine verweigert Zuneigungsbekundungen oder Berührungen in der Öffentlichkeit. Von dieser Art Problemsteigerungsszene kannst du auch mehr einbauen. Wichtig ist nur, dass das Problem Stück für Stück größer wird.

In der letzten Szene des Versuch-und-Scheitern-Zyklus wird das Problem so groß, dass die Heldin keine Lösung, keine Umgehung mehr finden kann. Das Problem zerstört die Hoffnung der Protagonistin. Das führt dazu, dass sie das Abenteuer aufgibt. In unserem Beispiel könnte das der beste Freund des Schwarms sein, der sehr religiös ist und seine Freundin davon überzeugt, dass Homosexualität falsch ist. Die beendet daraufhin die Beziehung mit der Protagonistin.

Das führt direkt in die letzte Szene der Steigerung: Die Verzweiflung. Hier versucht die Heldin, in ihr altes Leben zurückzukehren und das Abenteuer aufzugeben.

Kurz gesagt: Die Pflichtszenen der Steigerung sind mehrere Zyklen von Versuch und Scheitern. Am Ende steht die Verzwiflung und der Wunsch, das Abenteuer aufzugeben.

Die Pflichtszenen der Lösung

Das letzte Viertel deines Buches enthält den Höhepunkt der Geschichte und die Lösung des Problems.

Der Höhepunkt

Hier rafft sich der Protagonist ein letztes Mal auf, sein Abenteuer doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Das ist die legendäre letzte Schlacht. Der Moment, wo die Heldin während des Gebetes in die Moschee platzt und eine flammende Rede für die Liebe hält.

Auch hier kann der Held allerdings gezwungen werden. Der blinde Laiendetektiv hat seinen Kampf gegen die korrupten Bürokraten aufgegeben und beschlossen, selbst auf einen Hund zu sparen. Doch dann findet er sich gefesselt und geknebelt an einem unbekannten Ort wieder.

In dieser Szene muss es hart auf hart kommen. Die Heldin muss sich in einer Situation befinden, die richtig gut ausgehen kann – sie bekommt alles, was sie sich erträumt. Die Situation muss aber genauso richtig schlecht ausgehen können – der Protagonist verliert alles. Und „alles“ umfasst auch sein normales Leben.

Das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes

Egal, wie diese Szene ausgeht: Der Protagonist kann danach nicht mehr in sein altes Leben zurück. Entweder, weil etwas Neues, wundervolles in sein Leben getreten ist, oder weil sein Scheitern ihm alles nimmt, was er hatte. Es darf nichts dazwischen geben. Das ist das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes: Du solltest die Geschichte bis hierher so aufgebaut haben, dass dein Protagonist entweder alles gewinnen oder alles verlieren kann, aber nichts dazwischen.

Das kannst du auch erreichen, indem deine Heldin sich persönlich so weit entwickelt, dass sie nie wieder zurück kann in ihr altes Leben. Der Leser sollte das Gefühl bekommen, dass es total falsch wäre, wenn die Protagonistin zurückkehrt in die alte Routine. Dazu solltest du die innere Entwicklung der Protagonistin möglichst realistisch gestalten. Hat sie beispielsweise ihre Homosexualität entdeckt, könnte sie sich auf einmal viel freier fühlen. Ihre schwierige Beziehung mit ihrem Ex-Freund macht auf einmal Sinn und sie kannn sich erklären, warum ihr Liebesleben bisher so schief lief. Der Leser freut sich mit der Heldin und versteht intuitiv, dass sie nicht wieder so tun kann, als sei sie heterosexuell.

Die Auflösung

Nach dem Höhepunkt, dem verzweifelten Alles-oder-Nichts, folgt die Auflösung. Der Moment, in dem die Liebenden ihre Differenzen aus dem Weg räumen und sich zueinander bekennen. Der Augenblick, wo der blinde Detektiv ein Geräusch hört, das ihm sagt, wo er gefangen ist und wer sein Gegenspieler ist. Aber „Auflösung“ bedeutet nicht unbedingt, dass die Geschichte gut ausgeht!

Die Auflösung sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Der Verein, der dem Laiendetektiv bei seinen Ermittlungen gegen die Korruption half, ist im Kern eine militante Tierschutzorganisation, die ein Gesetz gegen Assistenztiere erzwingen will. Der Schwarm ist nach der flammenden Rede in der Moschee verärgert, dass die Heldin ihre neu gefundene Religion nicht respektiert. Sie überzeugt die Heldin davon, dass sie noch nicht bereit ist, ihre Homosexualität auszuleben und bittet um Zeit. Diese wohl durchdachte Bitte ist überraschend, da die Protagonistin glaubte, der muslimische Freund habe ihren Schwarm gehirngewaschen. Aber sie ist auch unausweichlich, da der Schwarm ihre eigenen muslimischen Wurzeln immer wieder erwähnte.

Doch selbst, wenn die Protagonistin nicht bekommt, was sie wollte, kann sie dennoch bekommen, was sie brauchte. Auch das wird den Leser mit einem zufriedenen Gefühl zurücklassen. Die Heldin hat zwar keine Beziehung mit ihrem Schwarm bekommen, aber etwas wichtiges über Respekt vor persönlichen Entscheidungen gelernt. Und sie hat ihre eigenen Sexualität besser kennengelernt.

Zur Zusammenfassung: Die erste Pflichtszenen der Lösung ist der Höhepunkt, das „letzte Gefecht“, wo der Held noch einmal alles gibt. Die zweite Pflichtszene ist die Auflösung des Konflikts, entweder indem die Protagonist den „Kampf“ gewinnt oder indem sie ihn verliert, dabei aber etwas Wichtiges lernt.

Für ein Genre schreiben verlangt Wissen!

Wenn du für ein Genre schreiben möchtest, musst du dieses Genre auch sehr viel lesen. Das tust du wahrscheinlich ohnehin. Nimm dir eines deiner Lieblingsbücher und versuche, die Pflichtszenen darin zu finden: Was ist das auslösende Ereignis? Wann und warum muss der Protagonist das Abenteuer beginnen? Welche größer werdenden Hindernisse stehen ihm im Weg? Was führt den Moment der Verzweiflung herbei? Und wie kann er seine Aufgabe schließlich doch noch lösen?

In Zukunft werde ich mir einzelne Genre vornehmen und die Pflichtszenen darin beschreiben. Ihr habt auf Twitter entschieden, dass ich mir zuerst das Genre Action-Abenteuer vornehme, zu dem auch der Großteil der Fantasy-Geschichten gehört. Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um den Artikel nicht zu verpassen!

innere Romangenre

Welche Romangenre gibt es? – Teil 2

Wie viele Genre darf ein einziger Roman haben? Was unterscheidet das innere vom äußeren Romangenre? Und muss mein Held unbedingt eine charakterliche Veränderung durchmachen?

In meinem letzten Beitrag ging es um die äußeren Romangenre. Im zweiten Teil dieser dreiteiligen Blogserie will ich die inneren Romangenre vorstellen.

Zuerst einmal zur Erinnerung: Das äußere Romangenre beschreibt das „sichtbare“ Abenteuer, das die Heldin erlebt. Das heißt, dass das äußere Genre zeigt, was die Heldin will.

Innere Romangenre

Im Gegensatz dazu zeigt das innere Genre, was die Heldin braucht. Und da haben wir den Salat: Was sie will und was sie braucht, sind oft gegensätzliche Dinge. Vielleicht will sie die beste ihres Jahrgangs sein. Aber eigentlich braucht sie die Einsicht, dass sie auch mit mittelmäßigen Noten liebenswert ist. Oder der Protagonist will den Mörder finden. Doch bevor er das kann, muss er seine Drogensucht besiegen.

innere Romangenre

Der Hauptkonflikt des inneren Genres steht der Lösung des äußeren Problems meist im Weg. Im Artikel über den Aufbau eines Romans habe ich geschrieben, dass die Lösung des äußeren Problemes zwei Dinge sein muss: Überraschend und unausweichlich. Zum Besipiel: Der Protagonist erkennt plötzlich, dass ein nerviges Mitglied der Bande die Antwort schon immer wusste. Dieses Mitglied hat er vorher nie ernst genommen. Der Protagonist muss jetzt seinen Stolz ablegen, um den Feind zu besiegen. Oder: Die Heldin ist in den coolsten Typ der Schule verliebt. Sie kommt mit ihm zusammen, ist aber immer noch nicht glücklich. Erst, als sie sich ihre Homosexualität eingesteht, findet sie die wahre Liebe.

Ich will Action schreiben! Brauche ich diesen Psychokram wirklich?

Nein, brauchst du nicht 🙂 Es gibt viele Geschichten, zum Beispiel lange Serien, in denen es kein inneres Genre gibt. Der Protagonist bleibt immer der Typ, den die Leser lieben. Denk z.B. an James Bond oder Sherlock Holmes. Aber auch viele Kinderserien haben gleichbleibene Charaktere, z.B. Die drei Fragezeichen. So lange du eine spannende Geschichte lieferst, brauchst du nicht zwingend ein internes Genre. Das überraschende und unausweichliche Ende kann auch daher rühren, dass die Protagonistin ein Rätsel endlich richtig löst. Oder dass sie etwas erfährt, was sie vorher nicht wusste.

Interne Romangenre: Die Liste!

Genau wie letztes Mal gibt es auch heute eine Liste. Die ist etwas kürzer als die für die äußeren Romangenre (Jeej!)

Weltanschauung

  • Bildung (Der Protagonist tritt in eine neue Welt ein, z.B. einen anderen sozialen Kreis. Diese Veränderung zeigt ihm, dass er bisher naiv und unwissend war. Doch er findet seinen Weg und lernt, sich in der neuen Umgebung zu entfalten und sich selbst treu zu bleiben. Lev Grossman, „The Magicians“)
  • Offenbahrung (Die Protagonistin erhält Informationen, die ihr Weltbild komplett verändern. Aufgrund dieser Offenbahrung muss sie schnell handeln, um eine drohende Katastrophe abzuwehren. Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“)
  • Entwicklung (Der Protagonist beginnt als Person mit Fehlern, die sich negativ auf sein Leben und/oder sein Umfeld auswirken. Dessen ist er sich aber nicht bewusst. Im Laufe der Zeit erkennt der Protagonist seine Fehler und legt sie ab. Khaled Hosseini, „The Kite Runner“)
  • Desillusionierung (Gegenteil des Genres Bildung: Die Protagonistin beginnt naiv und optimistisch. Doch je mehr sie erfährt über die Welt und das Leben, desto mehr bemerkt sie, dass hehre Ideale Fehl am Platz sind. Am Ende entwickelt sie eine „Ist eh alles egal“-Mentalität. Merritt Tierce, „Love Me Back“)

Status

  • tragisch (Der Protagonist hat alles und ist erfolgreich. Aber aufgrund äußerer Umstände oder eigener Schuld verliert er es. All seine Mühen, den Abstieg aufzuhalten, bleiben vergebens. Edith Wharton, „The House of Mirth“)
  • mitleiderregend (Die Heldin kommt aus ungünstigen Bedingungen. Sie setzt alles an ihren Aufstieg. Doch sie scheitert aus charakterlichen oder äußeren Gründen. Salman Rushdie, „Midnight’s Children“)
  • rührend (Der Held kommt aus ungünstigen Bedingungen. Aber dank seines Talents kann er trotz einiger Schicksalsschläge hoch aufsteigen. Robin Sloan, „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“)
  • bewunderungswürdig (Die Protagonistin hat Erfolg. Aufgrund äußerer Umstände droht sie, alles zu verlieren. Doch dank ihrer Persönlichkeit behält sie die Oberhand. Rachel Kushner, „The Flamethrowers“)

Moral

  • Bestrafung (Die Protagonistin ist eine Anti-Heldin, die der Leser dennoch für ihre Fähigkeiten bewundert. Sie erreicht Gutes mit fragwürdigen Mitteln. Am Ende erhält sie jedoch ihre gerechte Strafe. Ken Kesey, „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“)
  • Wiedergutmachung und Erlösung (Der Protagonist bahnt sich rücksichtslos den Weg zu seinem Ziel. Ein Ereignis führt ihm vor Augen, wie falsch sein Handeln ist. Er versucht, seine Fehler wiedergutzumachen und wird zu einem besseren Menschen. Charles Dickens, „A Christmas Carol“)
  • Test (Ein moralisch einwandfreier Held wird vor eine schwere Wahl gestellt: Seine Prinzipien aufgeben oder etwas Wichtiges verlieren (Geld, Liebe, Macht, etc.). Er bleibt seinen Prinzipien treu und nimmt den Verlust hin. ALTERNATIVE: Ein Gauner mit dem Herz auf dem rechten Fleck beginnt ein ehrliches Leben. Um seinen neuen Prinzipien treu bleiben zu können, muss er einen großen Verlust hinnehmen. Ernest Kline, „Ready Player One“)

Wie bringe ich inneres und äußeres Romangenre zusammen?

Überlege, ob du ein inneres Romanenre für deinen Roman möchtest. Wenn ja, such dir ein passendes Genre aus. Beachte dabei, dass das innere Genre eine große Auswirkung auf die Art der Geschichte hat! Beispiel: Ein Action-Thriller. Stell dir vor, dass der Protagonist mit einer Kollegin eine Wette laufen hat, wer den Killer zuerst schnappt. Die Kollegin versucht, ihn auf eine falsche Fährte zu locken. Zunächst fällt er darauf herein, kommt ihr jedoch am Ende auf die Schliche und schnappt den Killer auf spektakuläre Weise. Das wäre das Genre Status – bewunderungswürdig.
ODER: Deselbe Action-Thriller. Mit demselben Killer, der geschnappt werden muss und derselben Wette mit der Kollegin. Doch der Protagonist findet nach und nach heraus, dass die Mordopfer alle Teil eines Menschenhändler-Rings waren. Je mehr er über diesen Ring erfährt, desto geringer wird seine Motivation, den Mörder zu finden. Am Ende ist er es, der seine Kollegin auf eine falsche Fährte lockt, um den Mörder zu schützen. Das wäre dann Weltanschauung – Desillusionierung.

Das innere Romangenre kann also einen großen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben! Und du bemerkst auch, dass man, je nach Geschichte, fast automatisch irgendein inneres Genre bedient, ohne groß darüber nachzudenken

Was dein Held will vs. was dein Held braucht

Stelle dir diese Frage: Was will mein Held, das die Leser interessiert? Diese Frage definiert dein äußeres Genre. Wenn du eine tolle Antwort darauf hast, ziehst du die Leser gleich am Anfang in den Bann der Geschichte.

Und dann frage dich: Was braucht mein Held, damit er am Ende der Geschichte eine andere Persönlichkeit ist als am Anfang? Diese Frage definiert dein inneres Genre. Denk daran, dass der Held erst erreichen muss, was er braucht, bevor er das erreichen kann, was er will. Oder vielleicht erkennt er, dass er die ganze Zeit das Falsche wollte.

Deine Leser werden sich lange an einen Protagonisten erinnern, der sie beeindruckt und motiviert, selbst zu einem besseren Menschen zu werden. Das kannst du auch durch ein abschreckendes Beispiel erreichen! Ein Protagonist, der aus Faulheit und Bequemlichkeit sein Potenzial nicht verwirklich und am Ende arbeitslos und drogensüchtig ist, kann deine Leser motivieren, anders zu leben.

Sowohl inneres als auch äußeres Genre deines Romans kannst du leicht bedienen. Du musst einfach an bestimmten Eckpunkten der Geschichte die Erwartung deiner Leser an dieses Genre erfüllen. Welche Eckpunkte das sind, dazu komme ich im dritten Teil! Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um keinen Artikel mehr zu verpassen!

Wie strukturiert man einen Roman?

Um deinen Roman so zu planen, dass er gute Chancen bei den Lesern oder sogar einem Verlag hat, musst du einige Dinge beachten. Hier gebe ich dir einen Überblick über den Aufbau eines „guten“ Romans.

Ob du dieser Struktur folgst, ist natürlich vollkommen dir überlassen. Doch ein Leser (oder Zuschauer, denn Filme folgen demselben Schema) erwarten diese Struktur. Nicht bewusst, natürlich. Aber wir alle haben unglaublich viele Geschichten gelesen, gesehen und gehört, die auf diese Weise aufgebaut waren. Darum sind wir unzufrieden und fühlen, dass etwas „fehlt“, wenn eine Geschichte zu sehr von dieser Struktur abweicht.

Ein Wort der Warnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ (J.K.Rowling), „Turtles All the Way Down“ (John Green) und „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ (Robin Sloan).

Aber genug der Vorrede, hier ist die Struktur einer guten Geschichte in ganzen drei Worten:

Aufmacher, Steigerung und Lösung

Diese drei Bestandteile braucht jeder Roman. Der Aufmacher sollte ungefähr das erste Viertel des Romans umfassen. Die Steigerung macht die Hälfte des Umfanges der Geschichte aus. Die Lösung erstreckt sich dann über das letzte Viertel. Doch was bedeuten diese drei Worte eigentlich? Schauen wir uns das einmal genauer an:

Der Aufmacher

Der Aufmacher kommt, wie der Name schon vermuten lässt, an den Anfang des Romans. Man könnte ihn auch „Köder“ oder „Fanghaken“ nennen, denn er soll den Leser in den Bann der Geschichte ziehen. Der Aufmacher hat eine unglaublich wichtige Aufgabe: den Leser davon zu überzeugen, dass deine Geschichte lesenswert ist.

Wie schafft man das? Indem man ein interessantes Problem in den Aufmacher packt. Und zwar am besten gleich in den ersten Satz.

Beispiel: Harry Potter

Nehmen wir als Beispiel mal den ersten Satz aus „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“:
Mr and Mrs Dursley of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Die Dursleys sind also ganz normale Leute und wollen auch gerne, dass das so bleibt. Die Art, wie dieser Satz formuliert ist, lässt den Leser sofort vermuten, dass das Schicksal den Dursleys diesen Gefallen leider nicht tun wird. Sofort ist man neugierig, welche ungewöhnlichen Ereignisse denn den wundervoll normalen Alltag der Dursleys durchbrechen wird.

In diesem Artikel benutze ich den ersten Band von „Harry Potter“ als Beispiel für eine Geschichte mit einem betont externen Genre – also ein Genre, in dem die Handlung das wichtigste ist. Über Genres schreibe ich bald auch ausführlicher.

Beispiel: Turtles All the Way Down

Der erste Satz aus „Turtles All the Way Down“ von John Green geht so:
At the time I first realized I might be fictional, my weekdays were spent at a publicly funded institution on the north side of Indianapolis called White River High School, were I was required to eat lunch at a particular time
beteween 12:37 p.m. and 1:14 p.m.by forces so much greater than myself that I couldn’t even begin to indentify them.
Der erste Gedanke scheint sehr merkwürdig. Warum sollte die Protagonistin glauben, sie sei nicht echt? Der Leser ist neugierig und liest weiter.

„Turtles All the Way Down“ soll mein Beispiel für ein Buch sein, in dem das interne Genre eine große Rolle spielt. Bei internen Genres steht nicht die Handlung, sondern die persönliche Entwicklung des Protagonisten im Vordergrund.

Der Aufmacher zeigt, wovon das Buch handelt

Der Aufmacher stellt also den zentralen Konflikt der Geschichte vor und enthält das auslösende Ereignis (dazu schreibe ich auch bald noch mehr). Im ersten Kapitel von Harry Potter wird dem Leser klar, dass es eine Welt gibt, die neben der unseren existiert und dass Harry zu dieser wunderbaren Welt gehört – was seinem Onkel und seiner Tante so gar nichts in den Kram passt. Außerdem wird im ersten Kapitel auch gleich der Antagonist der Geschichte vorgestellt: Lord Voldemort. Dass er gleich zu Beginn erwähnt wird, zeigt dem Leser, dass er noch eine wichtige Rolle spielen wird. Damit hat das erste Kapitel die gesamte Handlung des Buches vorbereitet.

Im ersten Kapitel von „Turtles All the Way Down“ wird dem Leser schnell klar, dass es Aza Holmes nicht gut geht. Ihre Zwangstörung bestimmt ihr gesamtes Denken und Handeln. Und zwar so sehr, dass sie kaum mitbekommt, wie ihre Freunde über den verschwundenen Mann und die Belohnung von Einhundertausend Dollar reden. Und so wird auch im ersten Kapitel dieses Buches die gesamte Geschichte vorbereitet.

Nur so am Rande: Die allermeisten Geschichten haben sowohl einen externen als auch einen internen Konflikt.
Der interne Konflikt in „Harry Potter“ ist, dass Harry akzeptieren muss, dass er viel mehr ist, als er immer dachte. Er muss seinen Platz in der Welt der Zauberer finden.
Der externe Konflikt in “ Turtles All the Way Down “ ist der verschwundene Mann.

Es gibt allerdings auch Geschichten, vor allem lange Serien, in denen es kaum bis gar keinen internen Konflikt gibt. Siehe zum Beispiel Sherlock Holmes, die älteren James Bond-Filme, oder Hercule Poirot.

Zur Zusammenfassung: Der Aufmacher soll den Hauptkonflikt der Geschichte vorstellen und das auslösende Ereignis enthalten. Beide müssen interessant sein, damit der Leser wissen möchte, wie es weitergeht.

Die Steigerung

Dies ist der Mittelteil der Geschichte. Hier versucht der/die Protaginist(in), den internen und/oder externen Hauptkonflikt zu lösen. Schauen wir uns die beiden Hauptkonflikte einmal genauer an:

Der interne Konflikt

Der Protagonist muss ein Problem lösen, dass durch sein Selbstbild oder prägende Charaktereigenschaften verursacht wird.
Harry Potter muss lernen, ein Zauberer zu sein und sich in der Zauberwelt zurechtzufinden.
Aza hingegen muss lernen, trotz ihrer Zwangsstörung körperliche Nähe zuzulassen und ein „normales“ Leben zu führen.

Der externe Konflikt

Die Protagonistin wird vor eine „äußere“, also auch für andere Menschen sichtbare Aufgabe gestellt, die sie lösen muss.
Harry muss Voldemort daran hindern, den Stein der Weisen in die Hände zu bekommen.
Aza muss den verschwundenen Mann finden, um die Belohnung zu bekommen.

Hindernisse prägen die Steigerung

Die Protagonistin macht sich also auf, die gestellte Aufgabe – intern und extern – zu lösen. Dabei scheitert sie allerdings mehrere Male. Das Scheitern kann durch äußere Umstände verursacht werden (Ein riesiger, dreiköpfiger Hund schneidet den Weg zum Stein der Weisen ab). Es kann aber auch dadurch verursacht werden, dass die Protagonistin ihren inneren Konflikt auf die falsche Weise zu lösen versucht (Aza ignoriert ihre Therapeutin und nimmt ihre Medikamente nich regelmäßig).

Wichtig ist der Versuch-und-Irrtum-Zyklus. Der Protagonist versucht, den Konflikt auf eine bestimmte Weise zu lösen und scheitert. Er versucht es auf eine andere Weise und scheitert wieder. Er probiert vielleicht auch einen dritten Anlauf und scheitert erneut.

Besipiel „Harry Potter“: Hier gibt es einige deutliche Versuch-und-Irrtum-Zyklen:

  • Harry will Recherchen anstellen über Nicholas Flamel, wir aber abgelenkt von seiner Faszination mit dem Spiegel Nerhegeb.
  • Quirrell benimmt sich verdächtig, doch Harry will sich nicht mehr in Dinge einmischen, seit ein nächtliches Abenteuer ihn viele Hauspunkte gekostet hat
  • Harry, Ron und Hermine interpretieren Snape’s Verhalten und versuchen, Schlüsse daraus zu ziehen über dessen finstere Pläne. Zum Schluss stellt sich heraus, dass sie sich sehr in Snape getäuscht haben.

Beispiel „Turtles All the Way Down“: Hier sind die Versuch-und-Irrtum-Zyklen viel kürzer, aber auch viel zahlreicher:

  • Aza möchte eine Beziehung führen mit Davis, aber ihre panische Angst vor Bakterien und ihre Angst, dass Davis sie deswegen zu merkwürdig findet, um mit ihr zusammen sein zu wollen, stören die Romantik immer wieder.
  • Aza möchte mit ihrer Zwangstörung leben lernen, doch ihre zwanghaften Gedanken lenken sie ab von dem, was ihre Therapeutin sagt.
  • Aza ist besessen von der Idee ihres „Selbst“ und hat große Angst davor, dieses Selbst durch Medikamente zu verändern. Darum nimmt sie ihre Medikamente für die Zwangsstörung oft nicht. Dadurch verschlimmern sich ihre zwanghaften Gedanken und sie gleitet immer tiefer in die Spirale ab.

Aus der Verzeweiflung erwächst der Held

Am Ende der Steigerung steht die Verzweiflung. Der Protagonist wird zum Handeln gezwungen, weil sonst etwas Schreckliches passiert: Harry erfährt, dass Voldemort nun endlich weiß, wie er an den Stein der Weisen herankommen kann.
Aza kommt nach einem Unfall ins Krankenhaus. Ihre große Angst vor Krankenhauskeimen führt dazu, dass sie Desinfektionsmittel trinkt und damit ihr Leben gefährdet.

Zusammenfassung: Innerhalb der Steigerung versucht der Protagonist, den Hauptkonflikt zu lösen, scheitert aber immer wieder. Am Ende steht er vor der Verzweiflung und wird dadurch zum richtigen Handeln gezwungen.

Die Lösung

Am Ende des Buches muss der Protagonist beide Konflikte lösen.

Die Lösung des internen Konfliktes in den meisten Geschichten lässt sich oft ganz einfach zusammenfassen: Sei dir selbst treu und akzeptiere Hilfe, statt deine Probleme zu verleugnen.
Harry nimmt seine Identität als Zauberer vollkommen an und schult seine Fähigkeiten (er hätte auch vor Voldemort flüchten und sich für immer verstecken können).
Aza wird ihre Zwangsstörung niemals ganz überwinden, doch sie kann lernen, mit ihr zu leben. Sie nimmt ihre Therapie ernster und nimmt regelmäßig ihre Medikamente.

Die Lösung des externen Konflikts ist meist von der Lösung des internen Konflikts abhängig.
Weil Harry seine Identität als Zauberer vollkommen angenommen hat und seine Zauberkunst geschult hat, kann er sich Voldemort stellen.
Azas Therapie ermöglicht es ihr, wieder mit der Welt zu interagieren. Dadurch findet sie heraus, wo der verschwundene Mann sein könnte.

Überraschend und unausweichlich

Die Lösung des externen Konflikts liegt darin, eine zündende Idee zu haben. Und jetzt kommt das Schwierigste, was eine Geschichte aber unglaublich befriedigend machen kann: Die Lösung des externen Konflikts sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Was bedeudet das? Hier mal zwei Beispiele:

Harry sah am Ende im Spiegel Nerhegeb, dass der Stein der Weisen in seiner Tasche ist. Das ist überraschend. Aber es ist auch unausweichlich, nachdem sowohl der magische Spiegel Nerhegeb als auch Harrys verzweifelter Wunsch, den Stein vor Voldemort zu retten, vorher in der Geschichte eingeführt wurden.

Noch ein Buch mit starkem externem Konflikt: „Mr. Penumbra’s 24-Hour Book Store“ von Robin Sloan. Die Nachricht, nach der alle so verzweifelt suchten, war in den Lettern des Bleisatzes der Schriftart „Gerritszoon“ versteckt. Das war überraschend, aber unausweichlich, da es in der Geschichte immer wieder um alte Bücher ging, die in dieser Schriftart gesetzt waren.

Das Geheimnis einer befriedigenden Auflösung des externen Konfliktes ist also: Die Protagonistin sammelt im Laufe der Geschichte alle Werkzeuge, die sie für die Lösung braucht. Aber erst am Ende wird deutlich, wie sie diese Werkzeuge einsetzen muss. Von dir als Autor erfordert das Fingerspitzengefühl: Erwähne die Werkzeuge in der Geschichte, aber hau sie dem Leser nicht super-offensichtlich um die Ohren.

Hier ist mal eine Veranschaulichung des Spannungsverlaufs in einem Roman:

Wie strukturiert man einen Roman?
Wie strukturiert man einen Roman?

Zusammenfassung: Um den internen Konflikt zu lösen, muss der Protagonist sein „wahres Ich“ entdecken.
Um den externen Konflikt zu lösen, muss die Protagonistin die Dinge, die sie gelernt hat, auf die richtige Weise kombinieren. Die Lösung des externen Konflikts sollte für den Leser trotzdem überraschend sein.

Analysiere dein Lieblingsbuch

Demnächst werde ich mal ein Buch auseinandernehmen und seine Struktur hier im Blog analysieren. Das ist übrigens auch die beste Übung, um sich diese Struktur einzuprägen! Also, schnapp dir deinen Lieblingsroman und suche nach dem auslösenden Ereignis, den Versuch-und-Irrtum-Zyklen, dem Moment der Verzweiflung und der zündenden Idee. Was hat die Auflösung des Konflikts überraschend, aber unausweichlich gemacht? Du wirst sehen, dass dir diese Struktur bald überall auffällt!