für ein Genre schreiben

Für ein Genre schreiben: Welche Romangenre gibt es? – Teil 3

Das Cover und der Klappentext deines Buches verraten deinen Lesern das Genre deines Romans. Wenn du diese Erwartungen in der Geschichte nicht erfüllst, werden sie enttäuscht sein. Im besten Fall landet dein Buch nach dem Lesen in der Spendenkiste. Im schlimmsten Fall bekommst du eine negative Rezension. Für ein Genre schreiben – wie geht das eigentlich? Das erfährst du hier, im dritten Teil meiner Blogserie über Romangenre.

In Teil 1 hast du erfahren, welche externen Romangenre es gibt. In Teil 2 ging es um die internen Romangenre. Wie bedient man diese Genre beim schreiben?

Eine Geschichte gehört zu einem bestimmten Genre, weil es die Pflichtszenen des entsprechenden Genres enthält. Diese Pflichtszenen erwarten Leser an den Eckpunkten der Geschichte. Wenn du also für ein Genre schreiben willst, musst du die entsprechenden Szenen bringen, damit du Leser dieses Genres mit deiner Geschichte begeistern kannst.

Für eine Genre schreiben verlangt Pflichtszenen

Erinnerst du dich an den Artikel über den den Aufbau eines Romans? Dort findest du die drei Strukturelemente, die jeder Roman braucht: Aufmacher, Steigerung und Lösung.

für ein Genre schreiben

Die Pflichtszenen des Aufmachers

Im Aufmacher gibt es zwei Pflichtszenen: Das auslösende Ereignis und den Sprung ins Abenteuer.

Das auslösende Ereignis

Das auslösende Ereignis kann eine Entscheidung deiner Heldin sein. Zum Beispiel könnte sie ein Studium in einer fremden Stadt beginnen oder sich aufmachen, den Mord an ihrem Bruder zu rächen.
Aber auch der Zufall kann das auslösende Ereignis verursachen. So könnte ein Kommilitone vor einer Minute das letzte Exemplar des Buches ausgeliehen haben, das deine Heldin unbedingt zum Lernen braucht. Oder jemand wirft eine Mikrowelle aus dem Fenster, die einen Blindenhund erschlägt.

Wahrscheinlich hast du sofort Ideen für eine Geschichte gehabt, als du diese Beispiele für auslösende Ereignisse gelesen hast. Besonders das Beispiel mit dem Bibliotheksbuch schreit geradezu nach einer Romanze.

Aber da haben wir auch schon ein Problem: Klischees. Ja, du brauchst bestimmte Pflichtszenen, wenn du für ein Genre schreiben willst. Dazu gehört ein auslösendes Ereignis, das dein Genre bedient. Im Genre Liebesroman wäre das der Moment, in dem die Turteltäubchen sich begegnen. Doch es gibt so unglaublich viele Liebesromane und romantische Filmkomödien, dass das Publikum sich inzwischen schnell langweilt. Die Lösung: Erfinde die Pflichtszenen neu! Gib ihnen einen unerwarteten Dreh. Beispielsweise könnte die Protagonistin sich selbst in die WG des Kommilitonen einladen, um mit ihm gemeinsam zu lernen. Dort trifft sie seine Mitbewohnerin, die sie sofort total sympathisch findet. Damit hast du das Treffen der zukünftig Verliebten erfüllt, aber den Leser doch ein bisschen an der Nase herumgeführt. Erfrischend, aber nicht enttäuschend! Demnächst schreibe ich noch etwas dazu, wie man Pflichtszenen neu erfindet. Das geht nämlich ganz einfach und systematisch.

Das auslösende Ereignis muss also typisch für das Genre sein, für das du schreibst. Im Liebesroman müssen die Liebenden sich am Anfang begegnen. Im Krimi muss es am Anfang einen Mord geben. In einem Action-Thriller steht ein (evt. in letzter Minute vereiteltes) gewaltsames Verbrechen mit vielen (möglichen) Opfern oder einem wichtigen Opfer am Anfang. In einem Horror-Roman sind es unheimliche Ereignisse, die die Geschichte auf den Weg bringen.

Der Sprung ins Abenteuer

Du erinnerst dich vielleicht, dass der Aufmacher ungefähr das erste Viertel der Seitenanzahl deines Buches umfassen sollte. Das Auslösende Ereignis sollte dabei ganz am Anfang stehen. Am besten sogar gleich im ersten Satz. Beispiel: „Dieses dämliche charmante Lächeln würde mich meine Bachelorprüfung kosten.“

In den darauf folgenden Seiten entfaltet sich die Geschichte bis zu dem Punkt, an dem das Abenteuer so richtig losgeht. In unserem Liebesroman wäre das eine Szene, in der Unsere Heldin sich selbst eingestehen muss, dass sie Gefühle hat für die Mitbewohnerin des Buchdiebes. Dieser Punkt markiert den Sprung ins Abenteuer. Er befindet sich am Ende des Aufmachers.

Der Sprung muss übrigens nicht freiwillig sein. Der Held kann auch ins Abenteuer gestoßen werden. Beispiel: Der Protagonist muss einen neuen Blindenhund beantragen. Dabei muss er sich durch einen riesigen bürokratischen Dschungel kämpfen. Im Zuge dieses Kampfes fallen ihm Ungereimtheiten auf, die er aufklären muss, wenn er je wieder einen Hund bekommen möchte. Und schon findet sich dein Held in einem politischen Thriller wieder.

Zusammenfassend: Die Pflichtszenen des Aufmachers sind das auslösende Ereignis ganz am Anfang und der Sprung ins Abenteuer als letzte Aufmacher-Szene.

Die Pflichtszenen der Steigerung

Der Mittelteil deines Buches sollte vom Umfang her etwa die Hälfte ausmachen. Hier versucht dein Protagonist, sein Problem zu lösen. Dabei scheitert er aber immer wieder. Die Probleme nehmen zu, bis der Held schließlich verzweifelt.

Die Pflichtszenen während der Steigerung beschreiben diese Probleme. Dabei solltest du etwa drei Zyklen von Versuch und Scheitern beschreiben. In der ersten Szene ist das Problem noch klein. Beispiel: die Heldin hat ein romantisches Date mit ihrer Flamme. Das Date verläuft toll. Am Ende sagt der Schwarm (die Schwärmin?), dass sie noch nie mit einem Mädchen zusammen war, die Heldin aber toll findet und es versuchen möchte.

In der zweiten Szene wird das Problem größer. Die beiden Mädchen sind zusammen, aber die eine verweigert Zuneigungsbekundungen oder Berührungen in der Öffentlichkeit. Von dieser Art Problemsteigerungsszene kannst du auch mehr einbauen. Wichtig ist nur, dass das Problem Stück für Stück größer wird.

In der letzten Szene des Versuch-und-Scheitern-Zyklus wird das Problem so groß, dass die Heldin keine Lösung, keine Umgehung mehr finden kann. Das Problem zerstört die Hoffnung der Protagonistin. Das führt dazu, dass sie das Abenteuer aufgibt. In unserem Beispiel könnte das der beste Freund des Schwarms sein, der sehr religiös ist und seine Freundin davon überzeugt, dass Homosexualität falsch ist. Die beendet daraufhin die Beziehung mit der Protagonistin.

Das führt direkt in die letzte Szene der Steigerung: Die Verzweiflung. Hier versucht die Heldin, in ihr altes Leben zurückzukehren und das Abenteuer aufzugeben.

Kurz gesagt: Die Pflichtszenen der Steigerung sind mehrere Zyklen von Versuch und Scheitern. Am Ende steht die Verzwiflung und der Wunsch, das Abenteuer aufzugeben.

Die Pflichtszenen der Lösung

Das letzte Viertel deines Buches enthält den Höhepunkt der Geschichte und die Lösung des Problems.

Der Höhepunkt

Hier rafft sich der Protagonist ein letztes Mal auf, sein Abenteuer doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Das ist die legendäre letzte Schlacht. Der Moment, wo die Heldin während des Gebetes in die Moschee platzt und eine flammende Rede für die Liebe hält.

Auch hier kann der Held allerdings gezwungen werden. Der blinde Laiendetektiv hat seinen Kampf gegen die korrupten Bürokraten aufgegeben und beschlossen, selbst auf einen Hund zu sparen. Doch dann findet er sich gefesselt und geknebelt an einem unbekannten Ort wieder.

In dieser Szene muss es hart auf hart kommen. Die Heldin muss sich in einer Situation befinden, die richtig gut ausgehen kann – sie bekommt alles, was sie sich erträumt. Die Situation muss aber genauso richtig schlecht ausgehen können – der Protagonist verliert alles. Und „alles“ umfasst auch sein normales Leben.

Das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes

Egal, wie diese Szene ausgeht: Der Protagonist kann danach nicht mehr in sein altes Leben zurück. Entweder, weil etwas Neues, wundervolles in sein Leben getreten ist, oder weil sein Scheitern ihm alles nimmt, was er hatte. Es darf nichts dazwischen geben. Das ist das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes: Du solltest die Geschichte bis hierher so aufgebaut haben, dass dein Protagonist entweder alles gewinnen oder alles verlieren kann, aber nichts dazwischen.

Das kannst du auch erreichen, indem deine Heldin sich persönlich so weit entwickelt, dass sie nie wieder zurück kann in ihr altes Leben. Der Leser sollte das Gefühl bekommen, dass es total falsch wäre, wenn die Protagonistin zurückkehrt in die alte Routine. Dazu solltest du die innere Entwicklung der Protagonistin möglichst realistisch gestalten. Hat sie beispielsweise ihre Homosexualität entdeckt, könnte sie sich auf einmal viel freier fühlen. Ihre schwierige Beziehung mit ihrem Ex-Freund macht auf einmal Sinn und sie kannn sich erklären, warum ihr Liebesleben bisher so schief lief. Der Leser freut sich mit der Heldin und versteht intuitiv, dass sie nicht wieder so tun kann, als sei sie heterosexuell.

Die Auflösung

Nach dem Höhepunkt, dem verzweifelten Alles-oder-Nichts, folgt die Auflösung. Der Moment, in dem die Liebenden ihre Differenzen aus dem Weg räumen und sich zueinander bekennen. Der Augenblick, wo der blinde Detektiv ein Geräusch hört, das ihm sagt, wo er gefangen ist und wer sein Gegenspieler ist. Aber „Auflösung“ bedeutet nicht unbedingt, dass die Geschichte gut ausgeht!

Die Auflösung sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Der Verein, der dem Laiendetektiv bei seinen Ermittlungen gegen die Korruption half, ist im Kern eine militante Tierschutzorganisation, die ein Gesetz gegen Assistenztiere erzwingen will. Der Schwarm ist nach der flammenden Rede in der Moschee verärgert, dass die Heldin ihre neu gefundene Religion nicht respektiert. Sie überzeugt die Heldin davon, dass sie noch nicht bereit ist, ihre Homosexualität auszuleben und bittet um Zeit. Diese wohl durchdachte Bitte ist überraschend, da die Protagonistin glaubte, der muslimische Freund habe ihren Schwarm gehirngewaschen. Aber sie ist auch unausweichlich, da der Schwarm ihre eigenen muslimischen Wurzeln immer wieder erwähnte.

Doch selbst, wenn die Protagonistin nicht bekommt, was sie wollte, kann sie dennoch bekommen, was sie brauchte. Auch das wird den Leser mit einem zufriedenen Gefühl zurücklassen. Die Heldin hat zwar keine Beziehung mit ihrem Schwarm bekommen, aber etwas wichtiges über Respekt vor persönlichen Entscheidungen gelernt. Und sie hat ihre eigenen Sexualität besser kennengelernt.

Zur Zusammenfassung: Die erste Pflichtszenen der Lösung ist der Höhepunkt, das „letzte Gefecht“, wo der Held noch einmal alles gibt. Die zweite Pflichtszene ist die Auflösung des Konflikts, entweder indem die Protagonist den „Kampf“ gewinnt oder indem sie ihn verliert, dabei aber etwas Wichtiges lernt.

Für ein Genre schreiben verlangt Wissen!

Wenn du für ein Genre schreiben möchtest, musst du dieses Genre auch sehr viel lesen. Das tust du wahrscheinlich ohnehin. Nimm dir eines deiner Lieblingsbücher und versuche, die Pflichtszenen darin zu finden: Was ist das auslösende Ereignis? Wann und warum muss der Protagonist das Abenteuer beginnen? Welche größer werdenden Hindernisse stehen ihm im Weg? Was führt den Moment der Verzweiflung herbei? Und wie kann er seine Aufgabe schließlich doch noch lösen?

In Zukunft werde ich mir einzelne Genre vornehmen und die Pflichtszenen darin beschreiben. Ihr habt auf Twitter entschieden, dass ich mir zuerst das Genre Action-Abenteuer vornehme, zu dem auch der Großteil der Fantasy-Geschichten gehört. Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um den Artikel nicht zu verpassen!

30 Schreibtipps, die dich zu einem besseren Autoren machen

Was ist eine „gute“ Geschichte? Was kann ich tun, damit der Leser bei meiner Geschichte bleibt? Wie schreibt man Charaktere, an die der Leser sich noch lange erinnern wird?

Diese Liste der 30 Schreibtipps, die dich zu einem besseren Autoren machen, beantwortet einige dieser Fragen. Im Laufe der Zeit werde ich sie ausbauen und ergänzen. Teil deine eigenen Schreibtipps in den Kommentaren!

Der Schreibprozess und die Liebe zum Schreiben

  • Du schreibst, weil du Geschichten in dir hast, die du erzählen möchtest.
  • Du schreibst zuallererst, um zu schreiben. Nicht, um gelesen zu werden, das kommt viel später.
  • Dein erster Entwurf wird furchtbar sein. Schreib ihn zu Ende und überarbeite ihn.
  • Hab Geduld! Eine richig gute Geschichte braucht mehrere Monate, manchmal Jahre, um zu reifen und zu dem zu werden, was sie sein kann.
  • Wenn du das Gefühl hast, dass du alles überarbeitet hast, lass deine Geschichte ein, zwei Monate liegen. Du wirst überrascht sein, wie viele Fehler/Plotholes/Ungereimheiten du nach dieser Pause noch entdeckst.
  • Überarbeite deine Geschichte, bis sie richtig gut ist. Und dann, gib sie ab, schicke sie weg! Irgendwann veränderst du nämlich nur noch, statt zu verbessern.
  • Es wird immer jemanden geben, dem deine Geschichte nicht gefällt. Ignorier diese Menschen und konzentrier dich auf diejenigen, die deine Geschichte mögen.
  • Vergiss nie, dass es deine Geschichte ist. Sie bereichert dein Leben.

Schreibtechnik

  • Variiere deine Sätze. Lang oder kurz, einfach oder zusammengesetzt, mit oder ohne Einschübe.
  • Schreibe in einfacher Sprache. Deine Leser sind nicht beeindruckt, wenn du schlaue Wörter benutzt. Auch nicht, wenn du deine Sätze bis zur Unkenntlichkeit verschachtelst. Im schlimmsten Fall unterbricht das den Lesefluss und der Leser versteht nicht mehr, was in deiner Geschichte passiert.
  • verwende Adjektive und Adverbien sehr sparsam. Eines pro Substantiv bzw. Verb ist mehr als genug. Versuche stattdessen, spezifischere Substantive und Verben zu verwenden.
    Beispiele:
    • Statt „Ein großer, dicker Mann“„Ein Kerl von hundertfünfzig Kilo“.
    • Statt „‚Oh nein!‘ sagte sie laut„‚Oh nein!‘ schrie sie.“
      (Adjektive und Adverbien habe ich fettgedruckt markiert).
  • Vermeide Negative. Sie schließen nur eine einzige Sache aus, geben dem Leser aber keine Möglichkeit, sich die Situation bildlich vorzustellen.
    • Statt „Es waren keine Möbel im Raum.“„Der Holzfußboden war mit einer Staubschicht bedeckt, die an jenen Stellen dünner war, wo zuvor Möbel gestanden hatten.“
  • Sei spezifisch! Je genauer du etwas beschreibst, desto lebhafter das Bild im Kopf des Lesers. Beispiele:
    • Statt „Ein Fisch“ „Eine fette Forelle“
    • Statt „Ein Fahrrad“ „Ein klappriges Herrenrad, dessen schicker Ledersattel auffällig neu aussah.“
  • Verwirf die ersten drei Ideen zu allem. Die ersten drei Dinge, die dir einfallen, sind garantiert Klischees, weil du diese Dinge schon tausendmal gesehen, gehört und gelesen hast und sie deshalb in deinem Kopf ganz vorne sind.

Weltenbau / World Building

  • Vermeide „Informations-Lawinen“. Nichts ist langweiliger als seitenweise Erklärungen, wie deine Welt funktioniert. Ich weiß, du willst unbedingt, dass dein Leser sieht und versteht, wie wunderbar diese Welt ist, die du dir ausgedacht hast. Aber führe sie Stück für Stück ein. Gib dem Leser immer nur die Information, die er jetzt gerade braucht.
  • Recherchiere, recherchiere, recherchiere! Welt und Charaktere sollen den Leser einladen, in sie einzutauchen. Das erreichst du, indem du sie so realistisch wie möglich gestaltest. Du wirst (und solltest!) wahrscheinlich nur einen Bruchteil der recherchierten Informationen in der Geschichte verwenden, aber spezifische Begriffe und glaubwürdige Beschreibungen von Abläufen machen deine Geschichte lebendig.
    Beispiele:
    • Deine Geschichte spielt auf einem Piratenschiff. Lerne alles über die unterschiedlichen Arten von Schiffen, die Namen der Bauteile, die Titel und Aufgaben aller Besatzungsmitglieder, etc.
    • Der Planet, auf dem deine Geschichte spielt, hat drei Monde. Was bedeutet das für die Gezeiten? Welche Umlaufbahnen haben sie und wie groß und hell sind sie? Gibt es dadurch öfter eine Sonnenfinsternis, vielleicht täglich? Reicht das Mondlicht einigen Pflanzen, um nachts Photosynthese zu betreiben? Sind mehr Tiere nachtaktiv, weil es nachts recht hell ist? Oder sind die Monde so klein, dass all das keine Rolle spielt? Sind sie aus verschiedenen Mineralien aufgebaut und werden von der Bevölkerung des Planeten als Rohstoffquellen benutzt? Etc, etc…
  • Lass deine Charaktere etwas tun, was dem Leser zeigt, wie die Welt funktioniert, statt einfach zu sagen, wie sie funktioniert.
    Beispiel:
    • Statt „Eine Chemikalie in der Atmosphäre sorgte dafür, dass das Regenwasser in vielen Farben getönt war.“ „Es sah nach Regen aus. Sie musste schnell die Wäsche reinholen, sonst sähe Felix‘ weißes Hemd morgen aus, als hätte ein Einhorn daraufgekotzt.“ (Dieser Satz erfüllt auch gleich noch den Zweck, dem Leser mitzuteilen, dass es in der Welt Einhörner mit Regenbogenkotze gibt. Oder, dass die Protagonistin einen trockenen Humor hat).
  • Deine Welt, so verrückt sie auch ist, ist deinen Charakteren völlig vertraut. Schließlich leben sie in ihr. Sie würden also nicht denken, „Das hellrosa Laub bildet einen schönen Kontrast mit dem tiefdunklen Baumstamm,“ sondern vielleicht nur, „Da steht ein Baum.“ Oder gar nichts, weil sie seit Jahren im selben Haus wohnen und der Baum ihnen nicht mehr auffällt, weil er da schon immer steht. Wenn du etwas einführen willst, was für den Leser ungwohnt ist, für die Charaktere aber völlig normal, hast du zwei Möglichkeiten:
    • Es muss sich ändern („Die heftige Dürre hatte das Laub der Bäume vertrocknen lassen. Der Wald, sonst saftig rosa, war nun vollkommen hellgrau“).
    • Dein Charakter muss es auf eine Weise gebrauchen, die ihn oder sie über die Eigenschaften nachdenken lässt („Sie fragte sich, ob sie einfach ein paar Blätter von einem Baum pflücken und zerreiben konnte, um rosa Farbstoff zu bekommen“).
  • Die Welt existiert unabhängig von den Charakteren. Sie ändert sich und zwingt die Charaktere, darauf zu reagieren (Wetter, Jahreszeiten, Tektonik, etc.). Die Charaktere haben nur einen sehr kleinen Einfluss auf die Welt (soll heißen, sie ).
  • Daran anschließend: Nichts und niemand in der Geschichte kann die Naturgesetze ändern. Wenn eine große Veränderung in der Welt geschieht, muss sie sich im Rahmen der Naturgetze bewegen. Sie muss außerdem einmalig und einschneidend sein und die Charaktere zwingen, darauf zu reagieren. Benutze keine „Wunder“, weil du nicht weißt, wie du sonst die Geschichte weiterbringen sollst. Dann fühlt der Leser sich betrogen, denn er oder sie hat sich in die Welt eingelebt. Wenn du die Welt plötzlich umschmeißt, hat der Leser seine Zeit und Liebe umsonst investiert.

Charaktere

  • Deine Charaktere sollten zuerst interessant sein. Ob sie sympatisch sind, spielt eine viel kleinere Rolle (siehe z. B. Doctor House, Sherlock Holmes wie er von Benedict Cumberbatch gespielt wird, Peggy Olson in Mad Men, etc.)
  • Recherchiere, recherchiere, recherchiere! Hat dein Protagonist etwas, was sie oder ihn von der allgemeinen Bevölkerung abhebt? Dann musst du genau wissen, wie so eine Person lebt und mit welchen täglichen Herausforderungen er oder sie zu kämpfen hat. Das gilt ganz besonders, wenn du über Angehörige von Minderheiten schreibst.
    Beispiele:
    • Deine Protagonistin ist sehr groß. Geht sie leicht gebückt und mit gesenktem Kopf, um kleiner zu wirken? Oder spielt sie seit ihrer Kindheit sehr erfolgreich Basketball, ist dadurch sehr selbstbewusst und dominiert sofort jeden Raum, den sie betritt?
    • Dein Protagonist wurde mit nur einer Hand geboren, arbeitet jedoch erfolgreich als Automechaniker. Wie sieht sein Arbeitsalltag aus, welche Werkzeuge benutzt er wie? Ist er von Natur aus Linkshänder, muss aber vor allem mit rechts arbeiten? Hatte dieses Umtrainieren folgen für seine Psyche?
  • Charakterisiere deine Protagonisten indirekt und mit Hilfe ihrer Persönlichkeit, statt direkt und mit Hilfe ihres Aussehens.
    Beispiele:
    • Statt direkt: „Er war groß und athletisch gebaut“ — indirekt: „Mühelos kletterte er über den hohen Zaun und landete elegant auf der anderen Seite.“ (Dieser Satz erfüllt gleichzeitig noch die Aufgabe, den Charakter als furchtlos, impulsiv oder auch respektlos vor dem Eigentum anderer darzustellen. Welche dieser Eigenschaften es ist, sollte im Laufe der weiteren Geschichte klar werden.)
    • Statt Aussehen: „Sie war sehr gutaussehend.“ — Persönlichkeit: „Sie war immer derjenige im Raum, um die andere sich am schnellsten versammelten.“
  • Bringe nur die Eigenschaften deines Charakters ins Spiel, die in der aktuellen Szene von Bedeutung sind. Vermeide eine ausführliche Beschreibung der Charaktere am Beginn der Geschichte. Für den Leser ist es viel befriedigender, die Charaktere nach und nach kennenzulernen und eigene Schlüsse über deren Persönlichkeit zu ziehen.
  • Alles, was deine Charaktere haben oder können, müssen sie sich verdient haben. Sie mussten Zeit und Mühe investieren und Opfer bringen, um das zu erreichen, was sie haben. Dein Charakter kann nicht alles haben. Aber die Dinge, die sie oder er hat, sollten spezifisch und interessant sein.
    Beispiele:
    • Jemand, der den schwarzen Gürtel in Karate hat, Rettungschwimmer ist und einen Doktortitel in Molekularbiologie hat, hatte wahrscheinlich nie viel Zeit für Freunde und ist darum sozial etwas unbegabt.
    • Jemand mit einem großen Freundeskreis, der um die Welt jettet und bei allen Festivals dabei ist, ist akademisch wahrscheinlich keine riesige Leuchte.
  • Deine Charaktere müssen Schwächen haben. Ja, müssen. Ein Charakter, dem alles sofort gelingt, der immer alles richtig macht und immer im Recht ist, ist langweilig und unrealistisch.
  • Deine Charaktere müssen* sich im Laufe der Geschichte entwickeln. Das kann eine positive oder negative Entwicklung sein.
    Beispiele:
    • Sie lernt etwas, was sie vorher nicht konnte oder wusste. Das ist mühevoll und sie scheitert mehrmals.
    • Er muss sich im Laufe der Geschichte eingestehen, dass sein Selbstbild falsch ist und er an seiner Persönlichkeit arbeiten muss.
    • Sie traut sich etwas, wovor sie am Anfang noch große Angst hatte.
    • Er versteht nun besser, warum eine bestimmte Person so agiert, wie sie agiert. Das führt zur Versöhnung mit einem Feind oder zum Zerwürfnis mit einem Freund.
    • Sie stellt fest, dass das Leben leichter ist, wenn man eine bestimmte Sache tut oder lässt. Dadurch wird sie charakterlich, intelektuell oder körperlich schwächer.
      (*es gibt Ausnahmen. Wenn du zum Beispiel eine lange Reihe von Romanen mit derselben Hauptperson schreibst, darf er oder sie unverändert bleiben. Siehe z.B. Sherlock Holmes, Hercule Poirot, James Bond, etc. )
  • Der Tod eines Charakters muss Konsequenzen für die Geschichte und die anderen Charaktere haben. Führe einen Charakter nicht nur dazu ein, damit du ihn oder sie später als „Schocker“ umbringen kannst.
  • Umgekehrt: Hat ein Charakter seinen Zweck in der Geschichte erfüllt, lass sie oder ihn sterben, eben weil es die anderen Charaktere zwingt, ohne diese Person weiterzukommen.
    Beispiel: Sirius Black und Albus Dumbledore mussten sterben, damit Harry Potter gezwungen ist, erwachsen zu werden und seine Aufgabe aus eigener Kraft zu beenden.
  • Der Tod eines Charakters sollte unerwartet und für die anderen Charaktere (und damit den Leser) „schrecklich“ sein. Wenn ein Charaktertod vorhersehbar ist, dann müssen die Konsequenzen unvorhergesehen sein.
    Beispiel: Nach dem Tod ihres Großvaters, der lange krank war, kommt ein Testament ans Tageslicht, nachdem ihre Mutter nicht ihre wirkliche Mutter zu sein scheint.

Muss man alle Schreibregeln beachten?

So, nun habe ich dir diese Mammutliste um die Ohren gehauen. Wenn du eine oder mehrere oder alle Schreibregeln doof findest, dann ignorier sie. Nichts von alledem ist in Stein gemeißelt. Das Schreiben soll dir vor allem Freude machen. Wenn du deine Geschichte allerdings publizieren möchtest, solltest du dich zumindest grob an diesen Regeln orientieren.

Habe ich Schreibtipps vergessen? Hast du einen Tipp, der dir beim Schreiben guter Geschichten hilft? Schreib ihn in die Kommentare!