Wie strukturiert man einen Roman?

Um deinen Roman so zu planen, dass er gute Chancen bei den Lesern oder sogar einem Verlag hat, musst du einige Dinge beachten. Hier gebe ich dir einen Überblick über den Aufbau eines „guten“ Romans.

Ob du dieser Struktur folgst, ist natürlich vollkommen dir überlassen. Doch ein Leser (oder Zuschauer, denn Filme folgen demselben Schema) erwarten diese Struktur. Nicht bewusst, natürlich. Aber wir alle haben unglaublich viele Geschichten gelesen, gesehen und gehört, die auf diese Weise aufgebaut waren. Darum sind wir unzufrieden und fühlen, dass etwas „fehlt“, wenn eine Geschichte zu sehr von dieser Struktur abweicht.

Ein Wort der Warnung: Dieser Artikel enthält Spoiler zu „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ (J.K.Rowling), „Turtles All the Way Down“ (John Green) und „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“ (Robin Sloan).

Aber genug der Vorrede, hier ist die Struktur einer guten Geschichte in ganzen drei Worten:

Aufmacher, Steigerung und Lösung

Diese drei Bestandteile braucht jeder Roman. Der Aufmacher sollte ungefähr das erste Viertel des Romans umfassen. Die Steigerung macht die Hälfte des Umfanges der Geschichte aus. Die Lösung erstreckt sich dann über das letzte Viertel. Doch was bedeuten diese drei Worte eigentlich? Schauen wir uns das einmal genauer an:

Der Aufmacher

Der Aufmacher kommt, wie der Name schon vermuten lässt, an den Anfang des Romans. Man könnte ihn auch „Köder“ oder „Fanghaken“ nennen, denn er soll den Leser in den Bann der Geschichte ziehen. Der Aufmacher hat eine unglaublich wichtige Aufgabe: den Leser davon zu überzeugen, dass deine Geschichte lesenswert ist.

Wie schafft man das? Indem man ein interessantes Problem in den Aufmacher packt. Und zwar am besten gleich in den ersten Satz.

Beispiel: Harry Potter

Nehmen wir als Beispiel mal den ersten Satz aus „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“:
Mr and Mrs Dursley of number four, Privet Drive, were proud to say that they were perfectly normal, thank you very much.
Die Dursleys sind also ganz normale Leute und wollen auch gerne, dass das so bleibt. Die Art, wie dieser Satz formuliert ist, lässt den Leser sofort vermuten, dass das Schicksal den Dursleys diesen Gefallen leider nicht tun wird. Sofort ist man neugierig, welche ungewöhnlichen Ereignisse denn den wundervoll normalen Alltag der Dursleys durchbrechen wird.

In diesem Artikel benutze ich den ersten Band von „Harry Potter“ als Beispiel für eine Geschichte mit einem betont externen Genre – also ein Genre, in dem die Handlung das wichtigste ist. Über Genres schreibe ich bald auch ausführlicher.

Beispiel: Turtles All the Way Down

Der erste Satz aus „Turtles All the Way Down“ von John Green geht so:
At the time I first realized I might be fictional, my weekdays were spent at a publicly funded institution on the north side of Indianapolis called White River High School, were I was required to eat lunch at a particular time
beteween 12:37 p.m. and 1:14 p.m.by forces so much greater than myself that I couldn’t even begin to indentify them.
Der erste Gedanke scheint sehr merkwürdig. Warum sollte die Protagonistin glauben, sie sei nicht echt? Der Leser ist neugierig und liest weiter.

„Turtles All the Way Down“ soll mein Beispiel für ein Buch sein, in dem das interne Genre eine große Rolle spielt. Bei internen Genres steht nicht die Handlung, sondern die persönliche Entwicklung des Protagonisten im Vordergrund.

Der Aufmacher zeigt, wovon das Buch handelt

Der Aufmacher stellt also den zentralen Konflikt der Geschichte vor und enthält das auslösende Ereignis (dazu schreibe ich auch bald noch mehr). Im ersten Kapitel von Harry Potter wird dem Leser klar, dass es eine Welt gibt, die neben der unseren existiert und dass Harry zu dieser wunderbaren Welt gehört – was seinem Onkel und seiner Tante so gar nichts in den Kram passt. Außerdem wird im ersten Kapitel auch gleich der Antagonist der Geschichte vorgestellt: Lord Voldemort. Dass er gleich zu Beginn erwähnt wird, zeigt dem Leser, dass er noch eine wichtige Rolle spielen wird. Damit hat das erste Kapitel die gesamte Handlung des Buches vorbereitet.

Im ersten Kapitel von „Turtles All the Way Down“ wird dem Leser schnell klar, dass es Aza Holmes nicht gut geht. Ihre Zwangstörung bestimmt ihr gesamtes Denken und Handeln. Und zwar so sehr, dass sie kaum mitbekommt, wie ihre Freunde über den verschwundenen Mann und die Belohnung von Einhundertausend Dollar reden. Und so wird auch im ersten Kapitel dieses Buches die gesamte Geschichte vorbereitet.

Nur so am Rande: Die allermeisten Geschichten haben sowohl einen externen als auch einen internen Konflikt.
Der interne Konflikt in „Harry Potter“ ist, dass Harry akzeptieren muss, dass er viel mehr ist, als er immer dachte. Er muss seinen Platz in der Welt der Zauberer finden.
Der externe Konflikt in “ Turtles All the Way Down “ ist der verschwundene Mann.

Es gibt allerdings auch Geschichten, vor allem lange Serien, in denen es kaum bis gar keinen internen Konflikt gibt. Siehe zum Beispiel Sherlock Holmes, die älteren James Bond-Filme, oder Hercule Poirot.

Zur Zusammenfassung: Der Aufmacher soll den Hauptkonflikt der Geschichte vorstellen und das auslösende Ereignis enthalten. Beide müssen interessant sein, damit der Leser wissen möchte, wie es weitergeht.

Die Steigerung

Dies ist der Mittelteil der Geschichte. Hier versucht der/die Protaginist(in), den internen und/oder externen Hauptkonflikt zu lösen. Schauen wir uns die beiden Hauptkonflikte einmal genauer an:

Der interne Konflikt

Der Protagonist muss ein Problem lösen, dass durch sein Selbstbild oder prägende Charaktereigenschaften verursacht wird.
Harry Potter muss lernen, ein Zauberer zu sein und sich in der Zauberwelt zurechtzufinden.
Aza hingegen muss lernen, trotz ihrer Zwangsstörung körperliche Nähe zuzulassen und ein „normales“ Leben zu führen.

Der externe Konflikt

Die Protagonistin wird vor eine „äußere“, also auch für andere Menschen sichtbare Aufgabe gestellt, die sie lösen muss.
Harry muss Voldemort daran hindern, den Stein der Weisen in die Hände zu bekommen.
Aza muss den verschwundenen Mann finden, um die Belohnung zu bekommen.

Hindernisse prägen die Steigerung

Die Protagonistin macht sich also auf, die gestellte Aufgabe – intern und extern – zu lösen. Dabei scheitert sie allerdings mehrere Male. Das Scheitern kann durch äußere Umstände verursacht werden (Ein riesiger, dreiköpfiger Hund schneidet den Weg zum Stein der Weisen ab). Es kann aber auch dadurch verursacht werden, dass die Protagonistin ihren inneren Konflikt auf die falsche Weise zu lösen versucht (Aza ignoriert ihre Therapeutin und nimmt ihre Medikamente nich regelmäßig).

Wichtig ist der Versuch-und-Irrtum-Zyklus. Der Protagonist versucht, den Konflikt auf eine bestimmte Weise zu lösen und scheitert. Er versucht es auf eine andere Weise und scheitert wieder. Er probiert vielleicht auch einen dritten Anlauf und scheitert erneut.

Besipiel „Harry Potter“: Hier gibt es einige deutliche Versuch-und-Irrtum-Zyklen:

  • Harry will Recherchen anstellen über Nicholas Flamel, wir aber abgelenkt von seiner Faszination mit dem Spiegel Nerhegeb.
  • Quirrell benimmt sich verdächtig, doch Harry will sich nicht mehr in Dinge einmischen, seit ein nächtliches Abenteuer ihn viele Hauspunkte gekostet hat
  • Harry, Ron und Hermine interpretieren Snape’s Verhalten und versuchen, Schlüsse daraus zu ziehen über dessen finstere Pläne. Zum Schluss stellt sich heraus, dass sie sich sehr in Snape getäuscht haben.

Beispiel „Turtles All the Way Down“: Hier sind die Versuch-und-Irrtum-Zyklen viel kürzer, aber auch viel zahlreicher:

  • Aza möchte eine Beziehung führen mit Davis, aber ihre panische Angst vor Bakterien und ihre Angst, dass Davis sie deswegen zu merkwürdig findet, um mit ihr zusammen sein zu wollen, stören die Romantik immer wieder.
  • Aza möchte mit ihrer Zwangstörung leben lernen, doch ihre zwanghaften Gedanken lenken sie ab von dem, was ihre Therapeutin sagt.
  • Aza ist besessen von der Idee ihres „Selbst“ und hat große Angst davor, dieses Selbst durch Medikamente zu verändern. Darum nimmt sie ihre Medikamente für die Zwangsstörung oft nicht. Dadurch verschlimmern sich ihre zwanghaften Gedanken und sie gleitet immer tiefer in die Spirale ab.

Aus der Verzeweiflung erwächst der Held

Am Ende der Steigerung steht die Verzweiflung. Der Protagonist wird zum Handeln gezwungen, weil sonst etwas Schreckliches passiert: Harry erfährt, dass Voldemort nun endlich weiß, wie er an den Stein der Weisen herankommen kann.
Aza kommt nach einem Unfall ins Krankenhaus. Ihre große Angst vor Krankenhauskeimen führt dazu, dass sie Desinfektionsmittel trinkt und damit ihr Leben gefährdet.

Zusammenfassung: Innerhalb der Steigerung versucht der Protagonist, den Hauptkonflikt zu lösen, scheitert aber immer wieder. Am Ende steht er vor der Verzweiflung und wird dadurch zum richtigen Handeln gezwungen.

Die Lösung

Am Ende des Buches muss der Protagonist beide Konflikte lösen.

Die Lösung des internen Konfliktes in den meisten Geschichten lässt sich oft ganz einfach zusammenfassen: Sei dir selbst treu und akzeptiere Hilfe, statt deine Probleme zu verleugnen.
Harry nimmt seine Identität als Zauberer vollkommen an und schult seine Fähigkeiten (er hätte auch vor Voldemort flüchten und sich für immer verstecken können).
Aza wird ihre Zwangsstörung niemals ganz überwinden, doch sie kann lernen, mit ihr zu leben. Sie nimmt ihre Therapie ernster und nimmt regelmäßig ihre Medikamente.

Die Lösung des externen Konflikts ist meist von der Lösung des internen Konflikts abhängig.
Weil Harry seine Identität als Zauberer vollkommen angenommen hat und seine Zauberkunst geschult hat, kann er sich Voldemort stellen.
Azas Therapie ermöglicht es ihr, wieder mit der Welt zu interagieren. Dadurch findet sie heraus, wo der verschwundene Mann sein könnte.

Überraschend und unausweichlich

Die Lösung des externen Konflikts liegt darin, eine zündende Idee zu haben. Und jetzt kommt das Schwierigste, was eine Geschichte aber unglaublich befriedigend machen kann: Die Lösung des externen Konflikts sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Was bedeudet das? Hier mal zwei Beispiele:

Harry sah am Ende im Spiegel Nerhegeb, dass der Stein der Weisen in seiner Tasche ist. Das ist überraschend. Aber es ist auch unausweichlich, nachdem sowohl der magische Spiegel Nerhegeb als auch Harrys verzweifelter Wunsch, den Stein vor Voldemort zu retten, vorher in der Geschichte eingeführt wurden.

Noch ein Buch mit starkem externem Konflikt: „Mr. Penumbra’s 24-Hour Book Store“ von Robin Sloan. Die Nachricht, nach der alle so verzweifelt suchten, war in den Lettern des Bleisatzes der Schriftart „Gerritszoon“ versteckt. Das war überraschend, aber unausweichlich, da es in der Geschichte immer wieder um alte Bücher ging, die in dieser Schriftart gesetzt waren.

Das Geheimnis einer befriedigenden Auflösung des externen Konfliktes ist also: Die Protagonistin sammelt im Laufe der Geschichte alle Werkzeuge, die sie für die Lösung braucht. Aber erst am Ende wird deutlich, wie sie diese Werkzeuge einsetzen muss. Von dir als Autor erfordert das Fingerspitzengefühl: Erwähne die Werkzeuge in der Geschichte, aber hau sie dem Leser nicht super-offensichtlich um die Ohren.

Hier ist mal eine Veranschaulichung des Spannungsverlaufs in einem Roman:

Wie strukturiert man einen Roman?
Wie strukturiert man einen Roman?

Zusammenfassung: Um den internen Konflikt zu lösen, muss der Protagonist sein „wahres Ich“ entdecken.
Um den externen Konflikt zu lösen, muss die Protagonistin die Dinge, die sie gelernt hat, auf die richtige Weise kombinieren. Die Lösung des externen Konflikts sollte für den Leser trotzdem überraschend sein.

Analysiere dein Lieblingsbuch

Demnächst werde ich mal ein Buch auseinandernehmen und seine Struktur hier im Blog analysieren. Das ist übrigens auch die beste Übung, um sich diese Struktur einzuprägen! Also, schnapp dir deinen Lieblingsroman und suche nach dem auslösenden Ereignis, den Versuch-und-Irrtum-Zyklen, dem Moment der Verzweiflung und der zündenden Idee. Was hat die Auflösung des Konflikts überraschend, aber unausweichlich gemacht? Du wirst sehen, dass dir diese Struktur bald überall auffällt!