Was bedeutet Show don't tell

Was bedeutet „Show don’t tell“?

In fast jedem Buch, Podcast oder Blog übers kreative Schreiben findet man den Rat „Show don’t tell“. Meist bezieht er sich auf Adjektive. Beispielsweise liest man oft, „Adjektive sind Totholz, schneide sie raus!“ Genauso stiefmütterlich behanden die Ratgeber Adverbien. Aber warum haut man Autoren ständig diese Regel um die Ohren?

Zunächst frischen wir einmal unser Schulwissen auf.

Adjektive

Adjektive sind „Eigenschaftswörter“. Das bedeutet, dass sie beschreiben, wie etwas ist. Beispiele: „Ein großer Mann“, „Das Wasser ist schmutzig

Das „etwas“ kann eine Person (Mann) sein, aber auch ein Gegenstand (Wasser). Allerdings können Adjektive auch etwas Abstraktes beschreiben. Zum Beispiel ein Gefühl. Und da stoßen wir auch schon auf ein Problem. Aber dazu gleich mehr!

Adverbien

Auch Adverbien beschreiben Eigenschaften. Allerdings die Eigenschaften von Verben. Anders ausgedrückt: Adverbien beschreiben, wie jemand etwas tut. Oder wie ein Gegenstand etwas tut. Beispiele: „‚Warte auf mich,‘ sagte sie schüchtern„, „Die Tür quietsche laut.“

Aber ich muss doch sagen, wie etwas ist!

Obwohl Adjektive und Adverbien so schön beschreiben, wie Dinge sind, soll man sie nicht verwenden? Warum denn bloß? Wie soll ich dem Leser denn sonst ein Gefühl für die Szene geben?

Zunächst einmal kann ich dich beruhigen: Natürlich darfst du Adjektive und Adverbien verwenden. ABER: Mache sie nicht zu deinen Sklaven! Bürde ihnen nicht die gesamte Last der Szene auf.

Was bedeutet Show don't tell

Adjektive alleine sind steril

Ich schreibe gleich mal einen kurzen Absatz. Darin werde ich genau das tun: Die Adjektive die ganze Arbeit machen lassen. Los geht’s:

Mit ernstem, melancholischen Blick schaute Yannis aus seinem kleinen, schmutzigen Fenster. Er konnte kaum den trüben, verdreckten Fluss sehen, der hinter seinem kleinen, ärmlichen Haus entlangkroch.

Hat dieser kurze Absatz dir ein Gefühl für die Szene gegeben? Wahrscheinlich hat er das, jedoch auf einer intellektuellen Ebene. Das Gefühl für die Szene musst du dir aus diesen sterilen Begriffen selbst ableiten. Auch ein Bild davon, wie es in Yannis‘ Umgebung aussieht, musst sich dein Gehirn erst erarbeiten.

Das Problem ist, dass die meisten Adjektive mehrere Dinge bedeuten können. „Schmutzig“ kann heißen, dass etwas dreckig ist. Genausogut kann es bedeuten, dass etwas anrüchig ist. „Verdreckt“ kann heißen, dass etwas mit Schlamm beschmiert ist. Aber auch, dass giftige Stoffe da sind, wo sie nicht hingehören. Unser Gehirn muss bei Adjektiven also erst einmal alle möglichen Bedeutungen abrufen. Am Ende muss es sich für eine davon entscheiden. Welche das ist, erschließt sich natürlich aus dem Zusammenhang. Aber unser Hirn macht diese Arbeit automatisch, wenn es einem Adjektiv begegnet. Du kannst es als Autor auch mit noch so vielen Nebeninfos nicht daran hindern. „Das erschließt sich doch aus dem Zusammenhang!“ ist also keine Ausrede dafür, deine Geschichte mit Adjektiven vollzuknallen.

Das Gehirn liebt Emotionen

Ich schreibe das Beispiel mal um:

Yannis musste sich bücken, um aus dem winzigen Fenster schauen zu können. Doch er sah ohnehin wenig, denn eine immerwährende Rußschicht lag von außen auf dem Glas. Das hatte Yannis der Fabrik zu verdanken. Sie hatte auch den Fluss hinter seinem Häuschen in einen langsam dahinkriechenden Abwasserkanal verwandelt. Yannis‘ Magen zog sich zusammen beim Gedanken, wie er als Kind in diesem Fluss geangelt hatte. Jetzt lebte dort nichts mehr.

Auf diese Weise formuliert bekommt der Leser viel mehr emotionale Informationen. Statt den Leser aufzufordern, „stell dir mal ein schmutziges Fenster vor“, beschreibe ich, warum das Fenster schmutzig ist. „Rußschicht“ und „Fabrik“ sind viel konkretere Informationen als „schmutzig“. Du erlaubst dem Leser damit, sich ein Bild vor seinem inneren Auge zu machen. Außerdem lädst du die Leser ein, eigene emotionale Informationen mit deiner Geschichte zu verweben. Eine Fabrik, die Ruß in die Luft schleudert und Flüsse unbewohnbar macht, ruft bei jedem unwillkürlich tief verwurzelte Emotionen hervor. Die bloßen Worte „schmutzig“, „trüb“ und „verdreckt“ tun das nicht.

Trotzdem verwende ich auch in der „besseren“ Version Adjektive (winzig, immerwährend) und Adverbien (langsam).

Show don’t tell!

Hier haben wir also ein klassisches Beispiel für diesen kryptischen Rat, den Autoren immer wieder bekommen: Show, don’t tell. Statt also mit einem Adjektiv zu sagen, wie etwas ist, beschreibst du die Umstände, die zu diesen Eigenschaften führten. Eben, weil du dann deinen Lesern erlaubst, Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben beim Lesen mit einzubringen. Emotionale Reaktionen rufen unmittelbar ein Bild in unseren Köpfen hervor.

Dadurch wird „Show, don’t tell“ zu einem wichtigen Werkzeug, wenn die Leserin sich an deine Geschichte erinnern soll. Hast du ihr lauter abstrakte Adjektive gegeben und ihr Hirn intelektuell arbeiten lassen, wird ihr die Geschichte trocken und distanziert vorkommen. Erlaubst du ihr aber, eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und Emotionen zu erleben, wird sie tief in die Geschichte eintauchen.

Wo ist das Problem bei Adverbien?

Ähnliches wie für Adjektive gilt für Adverbien. Auch sie drücken Dingen und Charakteren einen abstrakten Stempel auf. Dadurch machen sie dem Leserhirn ebenfalls zu viel Arbeit.

Mal ein Beispiel: „Ich wollte auch gerne mitkommen,“ sagte sie traurig. Das Adverb hier ist „traurig„. Doch woher weiß der Erzähler, dass der Charakter den Satz auf eine traurige Weise sagt? Das verrät er uns leider nicht. Die Leserin muss jetzt aus ihrer Erinnerung selbst hervorkramen, wie eine traurige Person aussieht und spricht. Denn du, lieber Autor, hast uns ja nur einen grauen Blob mit der Aufschrift „traurig“ gegeben!

Stattdessen könnte man schreiben: Mit gesenktem Kopf und leiser Stimme sagte sie, „Ich wollte auch gerne mitkommen.“ Diese Infos reichen völlig, damit es beim Leser sofort „Klick“ macht. Weil er die Situation vor sich sieht. Dadurch interpretiert sein auf Emotionen gedrilltes Hirn sofort, wie es der Sprecherin geht.

Show don’t tell ist gut fürs Hirn

Kurzum: Gibt dem Leser alle Infos, die er braucht, um die Situation selbst einschätzen zu können! Die Fähigkeit, Emotionen anderer aufgrund des Blicks, der Körperhaltung und der Stimme zu interpretieren haben wir Menschen schon viel, viel länger als die Worte, die diese Emotionen beschreiben. Diese Fähigkeit sitzt also viel tiefer im Gehirn und „funktioniert“ viel schneller als das Interpretieren von Wortbedeutungen.