für ein Genre schreiben

Für ein Genre schreiben: Welche Romangenre gibt es? – Teil 3

Das Cover und der Klappentext deines Buches verraten deinen Lesern das Genre deines Romans. Wenn du diese Erwartungen in der Geschichte nicht erfüllst, werden sie enttäuscht sein. Im besten Fall landet dein Buch nach dem Lesen in der Spendenkiste. Im schlimmsten Fall bekommst du eine negative Rezension. Für ein Genre schreiben – wie geht das eigentlich? Das erfährst du hier, im dritten Teil meiner Blogserie über Romangenre.

In Teil 1 hast du erfahren, welche externen Romangenre es gibt. In Teil 2 ging es um die internen Romangenre. Wie bedient man diese Genre beim schreiben?

Eine Geschichte gehört zu einem bestimmten Genre, weil es die Pflichtszenen des entsprechenden Genres enthält. Diese Pflichtszenen erwarten Leser an den Eckpunkten der Geschichte. Wenn du also für ein Genre schreiben willst, musst du die entsprechenden Szenen bringen, damit du Leser dieses Genres mit deiner Geschichte begeistern kannst.

Für eine Genre schreiben verlangt Pflichtszenen

Erinnerst du dich an den Artikel über den den Aufbau eines Romans? Dort findest du die drei Strukturelemente, die jeder Roman braucht: Aufmacher, Steigerung und Lösung.

für ein Genre schreiben

Die Pflichtszenen des Aufmachers

Im Aufmacher gibt es zwei Pflichtszenen: Das auslösende Ereignis und den Sprung ins Abenteuer.

Das auslösende Ereignis

Das auslösende Ereignis kann eine Entscheidung deiner Heldin sein. Zum Beispiel könnte sie ein Studium in einer fremden Stadt beginnen oder sich aufmachen, den Mord an ihrem Bruder zu rächen.
Aber auch der Zufall kann das auslösende Ereignis verursachen. So könnte ein Kommilitone vor einer Minute das letzte Exemplar des Buches ausgeliehen haben, das deine Heldin unbedingt zum Lernen braucht. Oder jemand wirft eine Mikrowelle aus dem Fenster, die einen Blindenhund erschlägt.

Wahrscheinlich hast du sofort Ideen für eine Geschichte gehabt, als du diese Beispiele für auslösende Ereignisse gelesen hast. Besonders das Beispiel mit dem Bibliotheksbuch schreit geradezu nach einer Romanze.

Aber da haben wir auch schon ein Problem: Klischees. Ja, du brauchst bestimmte Pflichtszenen, wenn du für ein Genre schreiben willst. Dazu gehört ein auslösendes Ereignis, das dein Genre bedient. Im Genre Liebesroman wäre das der Moment, in dem die Turteltäubchen sich begegnen. Doch es gibt so unglaublich viele Liebesromane und romantische Filmkomödien, dass das Publikum sich inzwischen schnell langweilt. Die Lösung: Erfinde die Pflichtszenen neu! Gib ihnen einen unerwarteten Dreh. Beispielsweise könnte die Protagonistin sich selbst in die WG des Kommilitonen einladen, um mit ihm gemeinsam zu lernen. Dort trifft sie seine Mitbewohnerin, die sie sofort total sympathisch findet. Damit hast du das Treffen der zukünftig Verliebten erfüllt, aber den Leser doch ein bisschen an der Nase herumgeführt. Erfrischend, aber nicht enttäuschend! Demnächst schreibe ich noch etwas dazu, wie man Pflichtszenen neu erfindet. Das geht nämlich ganz einfach und systematisch.

Das auslösende Ereignis muss also typisch für das Genre sein, für das du schreibst. Im Liebesroman müssen die Liebenden sich am Anfang begegnen. Im Krimi muss es am Anfang einen Mord geben. In einem Action-Thriller steht ein (evt. in letzter Minute vereiteltes) gewaltsames Verbrechen mit vielen (möglichen) Opfern oder einem wichtigen Opfer am Anfang. In einem Horror-Roman sind es unheimliche Ereignisse, die die Geschichte auf den Weg bringen.

Der Sprung ins Abenteuer

Du erinnerst dich vielleicht, dass der Aufmacher ungefähr das erste Viertel der Seitenanzahl deines Buches umfassen sollte. Das Auslösende Ereignis sollte dabei ganz am Anfang stehen. Am besten sogar gleich im ersten Satz. Beispiel: „Dieses dämliche charmante Lächeln würde mich meine Bachelorprüfung kosten.“

In den darauf folgenden Seiten entfaltet sich die Geschichte bis zu dem Punkt, an dem das Abenteuer so richtig losgeht. In unserem Liebesroman wäre das eine Szene, in der Unsere Heldin sich selbst eingestehen muss, dass sie Gefühle hat für die Mitbewohnerin des Buchdiebes. Dieser Punkt markiert den Sprung ins Abenteuer. Er befindet sich am Ende des Aufmachers.

Der Sprung muss übrigens nicht freiwillig sein. Der Held kann auch ins Abenteuer gestoßen werden. Beispiel: Der Protagonist muss einen neuen Blindenhund beantragen. Dabei muss er sich durch einen riesigen bürokratischen Dschungel kämpfen. Im Zuge dieses Kampfes fallen ihm Ungereimtheiten auf, die er aufklären muss, wenn er je wieder einen Hund bekommen möchte. Und schon findet sich dein Held in einem politischen Thriller wieder.

Zusammenfassend: Die Pflichtszenen des Aufmachers sind das auslösende Ereignis ganz am Anfang und der Sprung ins Abenteuer als letzte Aufmacher-Szene.

Die Pflichtszenen der Steigerung

Der Mittelteil deines Buches sollte vom Umfang her etwa die Hälfte ausmachen. Hier versucht dein Protagonist, sein Problem zu lösen. Dabei scheitert er aber immer wieder. Die Probleme nehmen zu, bis der Held schließlich verzweifelt.

Die Pflichtszenen während der Steigerung beschreiben diese Probleme. Dabei solltest du etwa drei Zyklen von Versuch und Scheitern beschreiben. In der ersten Szene ist das Problem noch klein. Beispiel: die Heldin hat ein romantisches Date mit ihrer Flamme. Das Date verläuft toll. Am Ende sagt der Schwarm (die Schwärmin?), dass sie noch nie mit einem Mädchen zusammen war, die Heldin aber toll findet und es versuchen möchte.

In der zweiten Szene wird das Problem größer. Die beiden Mädchen sind zusammen, aber die eine verweigert Zuneigungsbekundungen oder Berührungen in der Öffentlichkeit. Von dieser Art Problemsteigerungsszene kannst du auch mehr einbauen. Wichtig ist nur, dass das Problem Stück für Stück größer wird.

In der letzten Szene des Versuch-und-Scheitern-Zyklus wird das Problem so groß, dass die Heldin keine Lösung, keine Umgehung mehr finden kann. Das Problem zerstört die Hoffnung der Protagonistin. Das führt dazu, dass sie das Abenteuer aufgibt. In unserem Beispiel könnte das der beste Freund des Schwarms sein, der sehr religiös ist und seine Freundin davon überzeugt, dass Homosexualität falsch ist. Die beendet daraufhin die Beziehung mit der Protagonistin.

Das führt direkt in die letzte Szene der Steigerung: Die Verzweiflung. Hier versucht die Heldin, in ihr altes Leben zurückzukehren und das Abenteuer aufzugeben.

Kurz gesagt: Die Pflichtszenen der Steigerung sind mehrere Zyklen von Versuch und Scheitern. Am Ende steht die Verzwiflung und der Wunsch, das Abenteuer aufzugeben.

Die Pflichtszenen der Lösung

Das letzte Viertel deines Buches enthält den Höhepunkt der Geschichte und die Lösung des Problems.

Der Höhepunkt

Hier rafft sich der Protagonist ein letztes Mal auf, sein Abenteuer doch noch zu einem guten Ende zu bringen. Das ist die legendäre letzte Schlacht. Der Moment, wo die Heldin während des Gebetes in die Moschee platzt und eine flammende Rede für die Liebe hält.

Auch hier kann der Held allerdings gezwungen werden. Der blinde Laiendetektiv hat seinen Kampf gegen die korrupten Bürokraten aufgegeben und beschlossen, selbst auf einen Hund zu sparen. Doch dann findet er sich gefesselt und geknebelt an einem unbekannten Ort wieder.

In dieser Szene muss es hart auf hart kommen. Die Heldin muss sich in einer Situation befinden, die richtig gut ausgehen kann – sie bekommt alles, was sie sich erträumt. Die Situation muss aber genauso richtig schlecht ausgehen können – der Protagonist verliert alles. Und „alles“ umfasst auch sein normales Leben.

Das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes

Egal, wie diese Szene ausgeht: Der Protagonist kann danach nicht mehr in sein altes Leben zurück. Entweder, weil etwas Neues, wundervolles in sein Leben getreten ist, oder weil sein Scheitern ihm alles nimmt, was er hatte. Es darf nichts dazwischen geben. Das ist das Geheimnis eines mitreißenden Höhepunktes: Du solltest die Geschichte bis hierher so aufgebaut haben, dass dein Protagonist entweder alles gewinnen oder alles verlieren kann, aber nichts dazwischen.

Das kannst du auch erreichen, indem deine Heldin sich persönlich so weit entwickelt, dass sie nie wieder zurück kann in ihr altes Leben. Der Leser sollte das Gefühl bekommen, dass es total falsch wäre, wenn die Protagonistin zurückkehrt in die alte Routine. Dazu solltest du die innere Entwicklung der Protagonistin möglichst realistisch gestalten. Hat sie beispielsweise ihre Homosexualität entdeckt, könnte sie sich auf einmal viel freier fühlen. Ihre schwierige Beziehung mit ihrem Ex-Freund macht auf einmal Sinn und sie kannn sich erklären, warum ihr Liebesleben bisher so schief lief. Der Leser freut sich mit der Heldin und versteht intuitiv, dass sie nicht wieder so tun kann, als sei sie heterosexuell.

Die Auflösung

Nach dem Höhepunkt, dem verzweifelten Alles-oder-Nichts, folgt die Auflösung. Der Moment, in dem die Liebenden ihre Differenzen aus dem Weg räumen und sich zueinander bekennen. Der Augenblick, wo der blinde Detektiv ein Geräusch hört, das ihm sagt, wo er gefangen ist und wer sein Gegenspieler ist. Aber „Auflösung“ bedeutet nicht unbedingt, dass die Geschichte gut ausgeht!

Die Auflösung sollte überraschend, aber unausweichlich sein. Der Verein, der dem Laiendetektiv bei seinen Ermittlungen gegen die Korruption half, ist im Kern eine militante Tierschutzorganisation, die ein Gesetz gegen Assistenztiere erzwingen will. Der Schwarm ist nach der flammenden Rede in der Moschee verärgert, dass die Heldin ihre neu gefundene Religion nicht respektiert. Sie überzeugt die Heldin davon, dass sie noch nicht bereit ist, ihre Homosexualität auszuleben und bittet um Zeit. Diese wohl durchdachte Bitte ist überraschend, da die Protagonistin glaubte, der muslimische Freund habe ihren Schwarm gehirngewaschen. Aber sie ist auch unausweichlich, da der Schwarm ihre eigenen muslimischen Wurzeln immer wieder erwähnte.

Doch selbst, wenn die Protagonistin nicht bekommt, was sie wollte, kann sie dennoch bekommen, was sie brauchte. Auch das wird den Leser mit einem zufriedenen Gefühl zurücklassen. Die Heldin hat zwar keine Beziehung mit ihrem Schwarm bekommen, aber etwas wichtiges über Respekt vor persönlichen Entscheidungen gelernt. Und sie hat ihre eigenen Sexualität besser kennengelernt.

Zur Zusammenfassung: Die erste Pflichtszenen der Lösung ist der Höhepunkt, das „letzte Gefecht“, wo der Held noch einmal alles gibt. Die zweite Pflichtszene ist die Auflösung des Konflikts, entweder indem die Protagonist den „Kampf“ gewinnt oder indem sie ihn verliert, dabei aber etwas Wichtiges lernt.

Für ein Genre schreiben verlangt Wissen!

Wenn du für ein Genre schreiben möchtest, musst du dieses Genre auch sehr viel lesen. Das tust du wahrscheinlich ohnehin. Nimm dir eines deiner Lieblingsbücher und versuche, die Pflichtszenen darin zu finden: Was ist das auslösende Ereignis? Wann und warum muss der Protagonist das Abenteuer beginnen? Welche größer werdenden Hindernisse stehen ihm im Weg? Was führt den Moment der Verzweiflung herbei? Und wie kann er seine Aufgabe schließlich doch noch lösen?

In Zukunft werde ich mir einzelne Genre vornehmen und die Pflichtszenen darin beschreiben. Ihr habt auf Twitter entschieden, dass ich mir zuerst das Genre Action-Abenteuer vornehme, zu dem auch der Großteil der Fantasy-Geschichten gehört. Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um den Artikel nicht zu verpassen!