innere Romangenre

Welche Romangenre gibt es? – Teil 2

Wie viele Genre darf ein einziger Roman haben? Was unterscheidet das innere vom äußeren Romangenre? Und muss mein Held unbedingt eine charakterliche Veränderung durchmachen?

In meinem letzten Beitrag ging es um die äußeren Romangenre. Im zweiten Teil dieser dreiteiligen Blogserie will ich die inneren Romangenre vorstellen.

Zuerst einmal zur Erinnerung: Das äußere Romangenre beschreibt das „sichtbare“ Abenteuer, das die Heldin erlebt. Das heißt, dass das äußere Genre zeigt, was die Heldin will.

Innere Romangenre

Im Gegensatz dazu zeigt das innere Genre, was die Heldin braucht. Und da haben wir den Salat: Was sie will und was sie braucht, sind oft gegensätzliche Dinge. Vielleicht will sie die beste ihres Jahrgangs sein. Aber eigentlich braucht sie die Einsicht, dass sie auch mit mittelmäßigen Noten liebenswert ist. Oder der Protagonist will den Mörder finden. Doch bevor er das kann, muss er seine Drogensucht besiegen.

innere Romangenre

Der Hauptkonflikt des inneren Genres steht der Lösung des äußeren Problems meist im Weg. Im Artikel über den Aufbau eines Romans habe ich geschrieben, dass die Lösung des äußeren Problemes zwei Dinge sein muss: Überraschend und unausweichlich. Zum Besipiel: Der Protagonist erkennt plötzlich, dass ein nerviges Mitglied der Bande die Antwort schon immer wusste. Dieses Mitglied hat er vorher nie ernst genommen. Der Protagonist muss jetzt seinen Stolz ablegen, um den Feind zu besiegen. Oder: Die Heldin ist in den coolsten Typ der Schule verliebt. Sie kommt mit ihm zusammen, ist aber immer noch nicht glücklich. Erst, als sie sich ihre Homosexualität eingesteht, findet sie die wahre Liebe.

Ich will Action schreiben! Brauche ich diesen Psychokram wirklich?

Nein, brauchst du nicht 🙂 Es gibt viele Geschichten, zum Beispiel lange Serien, in denen es kein inneres Genre gibt. Der Protagonist bleibt immer der Typ, den die Leser lieben. Denk z.B. an James Bond oder Sherlock Holmes. Aber auch viele Kinderserien haben gleichbleibene Charaktere, z.B. Die drei Fragezeichen. So lange du eine spannende Geschichte lieferst, brauchst du nicht zwingend ein internes Genre. Das überraschende und unausweichliche Ende kann auch daher rühren, dass die Protagonistin ein Rätsel endlich richtig löst. Oder dass sie etwas erfährt, was sie vorher nicht wusste.

Interne Romangenre: Die Liste!

Genau wie letztes Mal gibt es auch heute eine Liste. Die ist etwas kürzer als die für die äußeren Romangenre (Jeej!)

Weltanschauung

  • Bildung (Der Protagonist tritt in eine neue Welt ein, z.B. einen anderen sozialen Kreis. Diese Veränderung zeigt ihm, dass er bisher naiv und unwissend war. Doch er findet seinen Weg und lernt, sich in der neuen Umgebung zu entfalten und sich selbst treu zu bleiben. Lev Grossman, „The Magicians“)
  • Offenbahrung (Die Protagonistin erhält Informationen, die ihr Weltbild komplett verändern. Aufgrund dieser Offenbahrung muss sie schnell handeln, um eine drohende Katastrophe abzuwehren. Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“)
  • Entwicklung (Der Protagonist beginnt als Person mit Fehlern, die sich negativ auf sein Leben und/oder sein Umfeld auswirken. Dessen ist er sich aber nicht bewusst. Im Laufe der Zeit erkennt der Protagonist seine Fehler und legt sie ab. Khaled Hosseini, „The Kite Runner“)
  • Desillusionierung (Gegenteil des Genres Bildung: Die Protagonistin beginnt naiv und optimistisch. Doch je mehr sie erfährt über die Welt und das Leben, desto mehr bemerkt sie, dass hehre Ideale Fehl am Platz sind. Am Ende entwickelt sie eine „Ist eh alles egal“-Mentalität. Merritt Tierce, „Love Me Back“)

Status

  • tragisch (Der Protagonist hat alles und ist erfolgreich. Aber aufgrund äußerer Umstände oder eigener Schuld verliert er es. All seine Mühen, den Abstieg aufzuhalten, bleiben vergebens. Edith Wharton, „The House of Mirth“)
  • mitleiderregend (Die Heldin kommt aus ungünstigen Bedingungen. Sie setzt alles an ihren Aufstieg. Doch sie scheitert aus charakterlichen oder äußeren Gründen. Salman Rushdie, „Midnight’s Children“)
  • rührend (Der Held kommt aus ungünstigen Bedingungen. Aber dank seines Talents kann er trotz einiger Schicksalsschläge hoch aufsteigen. Robin Sloan, „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“)
  • bewunderungswürdig (Die Protagonistin hat Erfolg. Aufgrund äußerer Umstände droht sie, alles zu verlieren. Doch dank ihrer Persönlichkeit behält sie die Oberhand. Rachel Kushner, „The Flamethrowers“)

Moral

  • Bestrafung (Die Protagonistin ist eine Anti-Heldin, die der Leser dennoch für ihre Fähigkeiten bewundert. Sie erreicht Gutes mit fragwürdigen Mitteln. Am Ende erhält sie jedoch ihre gerechte Strafe. Ken Kesey, „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“)
  • Wiedergutmachung und Erlösung (Der Protagonist bahnt sich rücksichtslos den Weg zu seinem Ziel. Ein Ereignis führt ihm vor Augen, wie falsch sein Handeln ist. Er versucht, seine Fehler wiedergutzumachen und wird zu einem besseren Menschen. Charles Dickens, „A Christmas Carol“)
  • Test (Ein moralisch einwandfreier Held wird vor eine schwere Wahl gestellt: Seine Prinzipien aufgeben oder etwas Wichtiges verlieren (Geld, Liebe, Macht, etc.). Er bleibt seinen Prinzipien treu und nimmt den Verlust hin. ALTERNATIVE: Ein Gauner mit dem Herz auf dem rechten Fleck beginnt ein ehrliches Leben. Um seinen neuen Prinzipien treu bleiben zu können, muss er einen großen Verlust hinnehmen. Ernest Kline, „Ready Player One“)

Wie bringe ich inneres und äußeres Romangenre zusammen?

Überlege, ob du ein inneres Romanenre für deinen Roman möchtest. Wenn ja, such dir ein passendes Genre aus. Beachte dabei, dass das innere Genre eine große Auswirkung auf die Art der Geschichte hat! Beispiel: Ein Action-Thriller. Stell dir vor, dass der Protagonist mit einer Kollegin eine Wette laufen hat, wer den Killer zuerst schnappt. Die Kollegin versucht, ihn auf eine falsche Fährte zu locken. Zunächst fällt er darauf herein, kommt ihr jedoch am Ende auf die Schliche und schnappt den Killer auf spektakuläre Weise. Das wäre das Genre Status – bewunderungswürdig.
ODER: Deselbe Action-Thriller. Mit demselben Killer, der geschnappt werden muss und derselben Wette mit der Kollegin. Doch der Protagonist findet nach und nach heraus, dass die Mordopfer alle Teil eines Menschenhändler-Rings waren. Je mehr er über diesen Ring erfährt, desto geringer wird seine Motivation, den Mörder zu finden. Am Ende ist er es, der seine Kollegin auf eine falsche Fährte lockt, um den Mörder zu schützen. Das wäre dann Weltanschauung – Desillusionierung.

Das innere Romangenre kann also einen großen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben! Und du bemerkst auch, dass man, je nach Geschichte, fast automatisch irgendein inneres Genre bedient, ohne groß darüber nachzudenken

Was dein Held will vs. was dein Held braucht

Stelle dir diese Frage: Was will mein Held, das die Leser interessiert? Diese Frage definiert dein äußeres Genre. Wenn du eine tolle Antwort darauf hast, ziehst du die Leser gleich am Anfang in den Bann der Geschichte.

Und dann frage dich: Was braucht mein Held, damit er am Ende der Geschichte eine andere Persönlichkeit ist als am Anfang? Diese Frage definiert dein inneres Genre. Denk daran, dass der Held erst erreichen muss, was er braucht, bevor er das erreichen kann, was er will. Oder vielleicht erkennt er, dass er die ganze Zeit das Falsche wollte.

Deine Leser werden sich lange an einen Protagonisten erinnern, der sie beeindruckt und motiviert, selbst zu einem besseren Menschen zu werden. Das kannst du auch durch ein abschreckendes Beispiel erreichen! Ein Protagonist, der aus Faulheit und Bequemlichkeit sein Potenzial nicht verwirklich und am Ende arbeitslos und drogensüchtig ist, kann deine Leser motivieren, anders zu leben.

Sowohl inneres als auch äußeres Genre deines Romans kannst du leicht bedienen. Du musst einfach an bestimmten Eckpunkten der Geschichte die Erwartung deiner Leser an dieses Genre erfüllen. Welche Eckpunkte das sind, dazu komme ich im dritten Teil! Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um keinen Artikel mehr zu verpassen!

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