Welche Romangenre gibt es

Welche Romangenre gibt es? – Teil 1

Welche Romangenre gibt es eigentlich? Wie viele davon darf ich in ein- und demselben Roman verarbeiten? Und warum ist Fantasy kein Genre? Diese und viele andere Fragen beantworte ich in den kommenden Wochen. Diese Blogserie wird drei Teile haben. Los geht’s!

Was bedeutet dieses Wort, „Genre“, überhaupt? Den Wikipedia-Eintrag dazu finde ich ziemlich schwer zu verstehen. Darum kommt hier meine halbwegs stümperhafte Erklärung: Das Romangenre beschreibt, zu welchem Thema die Haupthandlung der Geschichte gehört. Klärt der Protagonist einen Mord auf? Dann ist das Buch ein Kriminalroman. Versucht die Protagonistin, ihrem Schwarm zu erobern? Dann ist es ein Liebesroman.

„Äußere“ Romangenre

Die meisten Romane haben zwei Romangenre, ein äußeres und ein inneres. Das „äußere“ Genre beschreibt dabei den Hauptkonflikt, den theoretisch auch andere handelnde der Geschichte sehen können: Einen Mord, eine Romanze, die Zombie-Apokalypse, etc. In anderen Worten: Das äußere Genre zeigt, was der Protagonist will.

Welche Romangenre gibt es

Aufgrund der schieren Fülle von Genres soll es heute nur um äußere Romangenre gehen. Hier mal eine Liste äußerer Romangenre und ihrer Untergenre (mit kurzer Zusammenfassung und Beispielen):

Kriminalroman

  • Mord (Wer ist der Täter? der/die schlaue Detektiv/in findet es dank seiner/ihrer überragenden Strategie heraus. z.B. Agatha Christie, „Murder on the Orient Express“)
  • Gaunerei/Heist (Heldenhafte Gauner drehen ein tolles Ding und schlagen ihren Verfolgern (zunächst) ein Schnippchen. Michael Crichton, „The Great Train Robbery“)
  • Gerichtsverfahren (Die Anwältin glaubt, dass der Fall anders liegt, als alle denken. Sie versucht, den Richter oder die Jury von ihrer Sicht zu überzeugen. Harper Lee, „To Kill a Mockingbird“)
  • Spionage (Ein Agent muss die feindliche Regierung infiltrieren, um wichtige Informationen zu erhalten. Dabei wird er zum Spielball zwischen den Mächten. John le Carré, „The Spy Who Came in from the Cold“)
  • Journalismus (Eine investigative Reporterin findet mehr heraus als die Polizei. Folglich löst sie den Fall, dar als unlösbar galt oder falsch gelöst wurde. Michael Connelly, „The Poet“)
  • Gefängnis (Jemand sitzt unschuldig im Gefängnis. Weil kaum jemand ihm glaubt, muss er selbst oder mit Hilfe eines Verbündeten den wahren Täter finden. Stephen King, „The Green Mile“)
  • Organisiertes Verbrechen (Eine Mafia-Familie liefert sich Schlagabtäusche mit verfeindeten Familien und/oder der Polizei. Schließlich bekommt die Familie alle Macht oder geht unter. Mario Puzo, „The Godfather“)

Action

  • Abenteuer (Rennen, springen, kämpfen und vor allem: überleben! Michael Crichton, „Jurassic Park“)
  • Wettlauf gegen die Zeit (Aufrgund wichtiger Umstände muss der Held vor Ablauf der Zeit irgendwo sein. Weil die Reise kompliziert ist, gelingt das nur knapp. Jules Verne, „In 80 Tagen um die Welt“)
  • Epos (Die Heldin muss sich mehreren Prüfungen stellen. Aufgrund ihrer Entscheidungen verändert sie ihre Persönlichkeit und eventuell auch das Schicksal ihrer Welt. Jonathan Swift, „Gulliver’s Travels“)

Horror

  • unheimlich (Merkwürdige Dinge geschehen, doch das Böse zeigt sich erst ganz zum Schluss. Shirley Jackson, „The Haunting of Hill House“)
  • übernatürlich (Merkwürdige Dinge geschehen und das Böse wird schnell gefunden. Allerdings lässt es sich nur schwer besiegen. William Peter Blatty, „The Exorcist“)
  • unerklärlich (Merkwürdige Dinge geschehen. Doch das Böse ist so mächtigund geheimnisvoll, dass niemand es jemals aufdeckt oder gar besiegt. H.P. Lovecraft, „The Call of Cthulhu“)

Thriller mit viel Politik

  • Militär (Zwei oder mehr verfeindete Mächte versuchen, ein bestimmtes Ziel vor den anderen zu erreichen. Tom Clancy, „The Hunt for Red October“)
  • Politik (Verschiedene Menschen und Mächte arbeiten gegeneinander, um ihre jeweiligen politischen Ziele zu erreichen. Dies tun sie mit extremen Mitteln, z.B. Anschlägen. Frederick Forsyth, „The Day of the Jackal“)
  • Spionage (Ein Spion versucht eine Mission zu erfüllen, deren wahren Zweck er erst später erfährt. Niemandes Loyalität ist gewiss, jeder könnte ihn betrügen und ausliefern. Robert Ludlum, „The Bourne Identity“)

Thriller mit weniger Politik

  • Journalismus (Eine Journailistin ist einer Story auf der Spur, die jemand reichen und mächtigen in Schwierigkeiten bringen wird. Daher wird sie von allen Seiten verfolgt. Stieg Larsson, „The Girl with the Dragon Tattoo“)
  • Recht und Gesetz (Eine Zeugin und ihr Anwalt geraten in ein Tauziehen zwischen Polizei und Verbrechern. Dabei benutzen beide Seiten die Zeugin als Instument. Ihr Anwalt versucht, sie zu beschützen. John Grisham, „The Client“)
  • Finanz (Der Protagonist erhält die Kontrolle über sehr viel Geld. Allerdings stammt dieses Geld aus dubiosen Quellen. Dadurch macht er sich finanziell mächtige Feinde, die ihm an den Kragen wollen. Martin Bodenham, „The Geneva Connection“)
  • Serienmörder (Ein Unbekannter begeht eine Reihe von schrecklichen Morden. Demgegenüber steht eine Ermittlerin, die ihn vor dem nächsten Mord aufspüren muss. Thomas Harris, „The Silence of the Lambs“)

Thriller (fast) ohne Politik

  • Medizin (Eine geheimnisvolle Krankheit bricht aus. Im Folgenden muss ein genialer Arzt die Ursache finden, bevor die Krankheit zur Pandemie wird. Tess Gerritsen, „Life Support“)
  • Psychologie (Eine psychisch instabile Person wird in merkwürdige Umstände verwickelt. Sie glaubt, Geheimnisse aufzudecken. Allerdings ist sie sich aufgrund ihrer eigenen Instibilität nie sicher, ob die Enthüllungen echt sind oder sie normale Dinge falsch interpretiert. Paula Hawkins, „The Girl on the Train“)
  • häuslich (Die neue Nachbarin/ Kollegin/ Der neue Trainer im Fitnessstudio scheint das perfekte Leben zu haben. Aber je besser die Protagonistin ihn/sie kennenlernt, desto mehr häufen sich die Hinweise auf ein düsteres Geheimnis. Shari Lapena, „The Couple Next Door“)

Leistung

  • Sport (Eine Sportlerin oder ein Team wollen den großen Sieg holen. Dabei stehen ihnen die sportliche Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Chad Harbach, „The Art of Fielding“)
  • Kunst (ein Künstler/ Designer/ eine Theatertruppe will groß herauskommen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Maureen Johnson, „Suite Scarlett“)
  • Musik (ein Musiker/ eine eine Band will groß herauskommen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Jennifer Egan, „A Visit from the Goon Squad“)
  • Unternehmen (Die Protagonistin mächte ihre Firma oder Karriere zum Erfolg bringen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Margot Lee Shetterly, „Hidden Figures“)*
    *das ist ein Sachbuch. Ich hatte Schwierigkeiten, einen guten Roman zu finden, der ein Unternehmen oder eine Karriere als zentrales Thema hat. Filme und Serien finden sich dagegen reichlich: „The Devil Wears Prada“, „Mad Men“, „Girl Boss“, etc. Kennst du einen guten Roman, der eine Unternehmen oder eine Karriere als Thema hat? (muss nicht das Hauptthema sein). Wenn ja, dann schreib Autor und Titel in die Kommentare.

Kriegsroman

  • Propaganda (Es herrscht Krieg. Ein oder mehrere Protagonisten müssen ihre Rolle darin spielen. Schlussendlich sind sie dank des Krieges erfolgreich oder gehen seinetwegen unter. Die Geschichte hat eine Moral: Entweder „Der Krieg ist gerechtfertigt und wir müssen den Feind besiegen“ ODER „Krieg schadet allen Beteiligten und wir müssen ihn vermeiden“. Erich Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“.)
  • Zusammenhalt (Eine Gruppe von Soldaten muss im Krieg kämpfen. Sie überstehen ihn dank der Freundschaft, die sie miteinander aufbauen. Norman Mailer, „The Naked and the Dead“)

Gesellschaftsroman

  • häuslich (Eine Familie gerät in finanzielle, politische oder gesellschaftliche Nöte. Diese werden durch ein oder mehrere Familienmitglieder verursacht oder verschärft. Thomas Mann, „Buddenbrooks“)
  • politisch (Eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft erfährt Unterdrückung. Ein oder mehrere Mitglieder der Gruppe kämpfen gegen diese Unterdrückung. Dadurch werden sie zum Anführer einen kleinen oder großen Revolution. Angie Thomas, „The Hate U Give“)

Liebesroman

  • Umwerben (der Protagonist ist verliebt. Der/die Geliebte erhört ihn, doch dann beginnen die Probleme erst. ODER die Protagonistin muss erst ihre eigene, wahre Persönlichkeit erkennen, bevor sie den/die Geliebte überzeugt. Helen Fielding, „Bridget Jones’s Diary“)
  • Obsession (Die Protagonistin ist verliebt. Sie setzt alles daran, dass ihr/e Geliebte/r sie erhört – ob er/sie will oder nicht. Die Geschichte nimmt kein gutes Ende. F. Scott Fitzgerald, „The Great Gatsby“)
  • Beziehungsprobleme (Die Protagonisten sind schon eine Weile zusammen. Die erste Verliebtheit ist verflogen und beide zeigen ihre wahre Persönlichkeit. Wird ihre Liebe diesem Sturm widerstehen? Jonathan Franzen, „The Corrections“)
  • Verbotene Liebe (Die Protagonisten lieben einander und wollen zusammen sein. Doch gesellschaftliche Normen machen eine Beziehung schwierig oder unmöglich. Annie Proulx, „Brokeback Mountain“)
  • Erotik (Der Protagonist entdeckt seine Sexualität (neu) und lebt sie aus. Dafür muss er sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien. Ingeborg Day, „Nine and a Half Weeks“)

Darf ich mehrere Genre auf einmal benutzen?

Ja, auf jeden Fall! die allermeisten Bücher sind zwei oder noch mehr Genres zuzuorden. Die Helden auf der Flucht vor einem Monster auf einer einsamen Insel wäre zum Beispiel Action-Horror. Zwei Polizeibeamte, die einen Mörder suchen und ihre Liebe für einander entdecken kann ein Erotik-Krimi werden. Auch Untergenres lassen sich oft nicht voneinander trennen: Da kommt ein drogenabhängiger Journalist einer Serienmörderin auf die Spur, kann sich aber am nächsten Tag nicht mehr erinnern, die Fotos und Notizen auf seinem Smartphone angefertigt zu haben. Boom, ein psychologischer Journalisten-Serienmörder-Thriller!

Bestimmte Romangenre, wie zum Beispiel das Leistungs-Genre wären für sich alleine ziemlich trocken. Eine bloße Beschreibung, wie eine Sportlerin trainiert und von Wettkampf zu Wettkampf besser wird, ist langweilig. Da muss eine psychologische Komponente rein: Warum will sie unbedingt gewinnen, welchen symbolischen Wert hat die Medaille/Trophäe/der Gürtel für sie? Oder man kombiniert es mit einem anderen Genre. (Mehr dazu findest du hier) Ein paar Beispiele:

  • sie ist besessen vom Ehrgeiz und stellt fest, dass auch die Goldmedaille sie nicht glücklich macht. Das führt sie auf eine Entdeckungsreise zu sich selbst.
  • Ihre Mutter wurde als Immigrantin nicht ins Nationalteam aufgenommen. Sie, die Tochter, macht nun den Traum ihrer Mutter wahr.
  • Das System ist korrupt. Alle dopen, jeder steckt mit drin. Sie muss in den Nationalkader, um die Korruption aufdecken zu können.

Warum sind Fantasy und SciFi keine Genre?

Die Welt, in der deine Geschichte spielt, hat etwas mit dem Realismus der Geschichte zu tun. Der Realismus trägt zum Genre bei, kann es aber nicht allein definieren. Eine Geschichte, in der zwei Leute von unterschiedlichen Planeten sich einander verlieben, obwohl die Planeten sich im Krieg miteinander befinden, wäre dem Romangenre Liebesroman – verbotene Liebe zuzuordnen. Eine Geschichte aber, die einem Spion in demselben Krieg folgt, könnte ein Thriller werden. Fans des ersteren fänden zweiteres vielleicht langweilig, und umgekehrt. „Ich schreibe Fantasy/ Ich schreibe Sci-Fi“ sagt deinen Lesern also ziemlich wenig über die Geschichten, die sie in deinen Büchern erwarten.

Und dann hätten wir da ja auch noch die inneren Romangenre. Die sind für viele Geschichten unverzichtbar. Hier findest du mehr dazu. Folgt mir auf Twitter oder Pinterest, um keinen Artikel mehr zu verpassen! Fallen dir verrückte Genre-Kombinationen ein, die bisher noch keiner geschrieben hat? Schreib deine Idee in die Kommentare!

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