innere Romangenre

Welche Romangenre gibt es? – Teil 2

Wie viele Genre darf ein einziger Roman haben? Was unterscheidet das innere vom äußeren Romangenre? Und muss mein Held unbedingt eine charakterliche Veränderung durchmachen?

In meinem letzten Beitrag ging es um die äußeren Romangenre. Im zweiten Teil dieser dreiteiligen Blogserie will ich die inneren Romangenre vorstellen.

Zuerst einmal zur Erinnerung: Das äußere Romangenre beschreibt das „sichtbare“ Abenteuer, das die Heldin erlebt. Das heißt, dass das äußere Genre zeigt, was die Heldin will.

Innere Romangenre

Im Gegensatz dazu zeigt das innere Genre, was die Heldin braucht. Und da haben wir den Salat: Was sie will und was sie braucht, sind oft gegensätzliche Dinge. Vielleicht will sie die beste ihres Jahrgangs sein. Aber eigentlich braucht sie die Einsicht, dass sie auch mit mittelmäßigen Noten liebenswert ist. Oder der Protagonist will den Mörder finden. Doch bevor er das kann, muss er seine Drogensucht besiegen.

innere Romangenre

Der Hauptkonflikt des inneren Genres steht der Lösung des äußeren Problems meist im Weg. Im Artikel über den Aufbau eines Romans habe ich geschrieben, dass die Lösung des äußeren Problemes zwei Dinge sein muss: Überraschend und unausweichlich. Zum Besipiel: Der Protagonist erkennt plötzlich, dass ein nerviges Mitglied der Bande die Antwort schon immer wusste. Dieses Mitglied hat er vorher nie ernst genommen. Der Protagonist muss jetzt seinen Stolz ablegen, um den Feind zu besiegen. Oder: Die Heldin ist in den coolsten Typ der Schule verliebt. Sie kommt mit ihm zusammen, ist aber immer noch nicht glücklich. Erst, als sie sich ihre Homosexualität eingesteht, findet sie die wahre Liebe.

Ich will Action schreiben! Brauche ich diesen Psychokram wirklich?

Nein, brauchst du nicht 🙂 Es gibt viele Geschichten, zum Beispiel lange Serien, in denen es kein inneres Genre gibt. Der Protagonist bleibt immer der Typ, den die Leser lieben. Denk z.B. an James Bond oder Sherlock Holmes. Aber auch viele Kinderserien haben gleichbleibene Charaktere, z.B. Die drei Fragezeichen. So lange du eine spannende Geschichte lieferst, brauchst du nicht zwingend ein internes Genre. Das überraschende und unausweichliche Ende kann auch daher rühren, dass die Protagonistin ein Rätsel endlich richtig löst. Oder dass sie etwas erfährt, was sie vorher nicht wusste.

Interne Romangenre: Die Liste!

Genau wie letztes Mal gibt es auch heute eine Liste. Die ist etwas kürzer als die für die äußeren Romangenre (Jeej!)

Weltanschauung

  • Bildung (Der Protagonist tritt in eine neue Welt ein, z.B. einen anderen sozialen Kreis. Diese Veränderung zeigt ihm, dass er bisher naiv und unwissend war. Doch er findet seinen Weg und lernt, sich in der neuen Umgebung zu entfalten und sich selbst treu zu bleiben. Lev Grossman, „The Magicians“)
  • Offenbahrung (Die Protagonistin erhält Informationen, die ihr Weltbild komplett verändern. Aufgrund dieser Offenbahrung muss sie schnell handeln, um eine drohende Katastrophe abzuwehren. Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“)
  • Entwicklung (Der Protagonist beginnt als Person mit Fehlern, die sich negativ auf sein Leben und/oder sein Umfeld auswirken. Dessen ist er sich aber nicht bewusst. Im Laufe der Zeit erkennt der Protagonist seine Fehler und legt sie ab. Khaled Hosseini, „The Kite Runner“)
  • Desillusionierung (Gegenteil des Genres Bildung: Die Protagonistin beginnt naiv und optimistisch. Doch je mehr sie erfährt über die Welt und das Leben, desto mehr bemerkt sie, dass hehre Ideale Fehl am Platz sind. Am Ende entwickelt sie eine „Ist eh alles egal“-Mentalität. Merritt Tierce, „Love Me Back“)

Status

  • tragisch (Der Protagonist hat alles und ist erfolgreich. Aber aufgrund äußerer Umstände oder eigener Schuld verliert er es. All seine Mühen, den Abstieg aufzuhalten, bleiben vergebens. Edith Wharton, „The House of Mirth“)
  • mitleiderregend (Die Heldin kommt aus ungünstigen Bedingungen. Sie setzt alles an ihren Aufstieg. Doch sie scheitert aus charakterlichen oder äußeren Gründen. Salman Rushdie, „Midnight’s Children“)
  • rührend (Der Held kommt aus ungünstigen Bedingungen. Aber dank seines Talents kann er trotz einiger Schicksalsschläge hoch aufsteigen. Robin Sloan, „Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore“)
  • bewunderungswürdig (Die Protagonistin hat Erfolg. Aufgrund äußerer Umstände droht sie, alles zu verlieren. Doch dank ihrer Persönlichkeit behält sie die Oberhand. Rachel Kushner, „The Flamethrowers“)

Moral

  • Bestrafung (Die Protagonistin ist eine Anti-Heldin, die der Leser dennoch für ihre Fähigkeiten bewundert. Sie erreicht Gutes mit fragwürdigen Mitteln. Am Ende erhält sie jedoch ihre gerechte Strafe. Ken Kesey, „One Flew Over the Cuckoo’s Nest“)
  • Wiedergutmachung und Erlösung (Der Protagonist bahnt sich rücksichtslos den Weg zu seinem Ziel. Ein Ereignis führt ihm vor Augen, wie falsch sein Handeln ist. Er versucht, seine Fehler wiedergutzumachen und wird zu einem besseren Menschen. Charles Dickens, „A Christmas Carol“)
  • Test (Ein moralisch einwandfreier Held wird vor eine schwere Wahl gestellt: Seine Prinzipien aufgeben oder etwas Wichtiges verlieren (Geld, Liebe, Macht, etc.). Er bleibt seinen Prinzipien treu und nimmt den Verlust hin. ALTERNATIVE: Ein Gauner mit dem Herz auf dem rechten Fleck beginnt ein ehrliches Leben. Um seinen neuen Prinzipien treu bleiben zu können, muss er einen großen Verlust hinnehmen. Ernest Kline, „Ready Player One“)

Wie bringe ich inneres und äußeres Romangenre zusammen?

Überlege, ob du ein inneres Romanenre für deinen Roman möchtest. Wenn ja, such dir ein passendes Genre aus. Beachte dabei, dass das innere Genre eine große Auswirkung auf die Art der Geschichte hat! Beispiel: Ein Action-Thriller. Stell dir vor, dass der Protagonist mit einer Kollegin eine Wette laufen hat, wer den Killer zuerst schnappt. Die Kollegin versucht, ihn auf eine falsche Fährte zu locken. Zunächst fällt er darauf herein, kommt ihr jedoch am Ende auf die Schliche und schnappt den Killer auf spektakuläre Weise. Das wäre das Genre Status – bewunderungswürdig.
ODER: Deselbe Action-Thriller. Mit demselben Killer, der geschnappt werden muss und derselben Wette mit der Kollegin. Doch der Protagonist findet nach und nach heraus, dass die Mordopfer alle Teil eines Menschenhändler-Rings waren. Je mehr er über diesen Ring erfährt, desto geringer wird seine Motivation, den Mörder zu finden. Am Ende ist er es, der seine Kollegin auf eine falsche Fährte lockt, um den Mörder zu schützen. Das wäre dann Weltanschauung – Desillusionierung.

Das innere Romangenre kann also einen großen Einfluss auf den Verlauf der Geschichte haben! Und du bemerkst auch, dass man, je nach Geschichte, fast automatisch irgendein inneres Genre bedient, ohne groß darüber nachzudenken

Was dein Held will vs. was dein Held braucht

Stelle dir diese Frage: Was will mein Held, das die Leser interessiert? Diese Frage definiert dein äußeres Genre. Wenn du eine tolle Antwort darauf hast, ziehst du die Leser gleich am Anfang in den Bann der Geschichte.

Und dann frage dich: Was braucht mein Held, damit er am Ende der Geschichte eine andere Persönlichkeit ist als am Anfang? Diese Frage definiert dein inneres Genre. Denk daran, dass der Held erst erreichen muss, was er braucht, bevor er das erreichen kann, was er will. Oder vielleicht erkennt er, dass er die ganze Zeit das Falsche wollte.

Deine Leser werden sich lange an einen Protagonisten erinnern, der sie beeindruckt und motiviert, selbst zu einem besseren Menschen zu werden. Das kannst du auch durch ein abschreckendes Beispiel erreichen! Ein Protagonist, der aus Faulheit und Bequemlichkeit sein Potenzial nicht verwirklich und am Ende arbeitslos und drogensüchtig ist, kann deine Leser motivieren, anders zu leben.

Sowohl inneres als auch äußeres Genre deines Romans kannst du leicht bedienen. Du musst einfach an bestimmten Eckpunkten der Geschichte die Erwartung deiner Leser an dieses Genre erfüllen. Welche Eckpunkte das sind, dazu komme ich im dritten Teil! Folge mir auf Twitter oder Pinterest, um keinen Artikel mehr zu verpassen!

Welche Romangenre gibt es

Welche Romangenre gibt es? – Teil 1

Welche Romangenre gibt es eigentlich? Wie viele davon darf ich in ein- und demselben Roman verarbeiten? Und warum ist Fantasy kein Genre? Diese und viele andere Fragen beantworte ich in den kommenden Wochen. Diese Blogserie wird drei Teile haben. Los geht’s!

Was bedeutet dieses Wort, „Genre“, überhaupt? Den Wikipedia-Eintrag dazu finde ich ziemlich schwer zu verstehen. Darum kommt hier meine halbwegs stümperhafte Erklärung: Das Romangenre beschreibt, zu welchem Thema die Haupthandlung der Geschichte gehört. Klärt der Protagonist einen Mord auf? Dann ist das Buch ein Kriminalroman. Versucht die Protagonistin, ihrem Schwarm zu erobern? Dann ist es ein Liebesroman.

„Äußere“ Romangenre

Die meisten Romane haben zwei Romangenre, ein äußeres und ein inneres. Das „äußere“ Genre beschreibt dabei den Hauptkonflikt, den theoretisch auch andere handelnde der Geschichte sehen können: Einen Mord, eine Romanze, die Zombie-Apokalypse, etc. In anderen Worten: Das äußere Genre zeigt, was der Protagonist will.

Welche Romangenre gibt es

Aufgrund der schieren Fülle von Genres soll es heute nur um äußere Romangenre gehen. Hier mal eine Liste äußerer Romangenre und ihrer Untergenre (mit kurzer Zusammenfassung und Beispielen):

Kriminalroman

  • Mord (Wer ist der Täter? der/die schlaue Detektiv/in findet es dank seiner/ihrer überragenden Strategie heraus. z.B. Agatha Christie, „Murder on the Orient Express“)
  • Gaunerei/Heist (Heldenhafte Gauner drehen ein tolles Ding und schlagen ihren Verfolgern (zunächst) ein Schnippchen. Michael Crichton, „The Great Train Robbery“)
  • Gerichtsverfahren (Die Anwältin glaubt, dass der Fall anders liegt, als alle denken. Sie versucht, den Richter oder die Jury von ihrer Sicht zu überzeugen. Harper Lee, „To Kill a Mockingbird“)
  • Spionage (Ein Agent muss die feindliche Regierung infiltrieren, um wichtige Informationen zu erhalten. Dabei wird er zum Spielball zwischen den Mächten. John le Carré, „The Spy Who Came in from the Cold“)
  • Journalismus (Eine investigative Reporterin findet mehr heraus als die Polizei. Folglich löst sie den Fall, dar als unlösbar galt oder falsch gelöst wurde. Michael Connelly, „The Poet“)
  • Gefängnis (Jemand sitzt unschuldig im Gefängnis. Weil kaum jemand ihm glaubt, muss er selbst oder mit Hilfe eines Verbündeten den wahren Täter finden. Stephen King, „The Green Mile“)
  • Organisiertes Verbrechen (Eine Mafia-Familie liefert sich Schlagabtäusche mit verfeindeten Familien und/oder der Polizei. Schließlich bekommt die Familie alle Macht oder geht unter. Mario Puzo, „The Godfather“)

Action

  • Abenteuer (Rennen, springen, kämpfen und vor allem: überleben! Michael Crichton, „Jurassic Park“)
  • Wettlauf gegen die Zeit (Aufrgund wichtiger Umstände muss der Held vor Ablauf der Zeit irgendwo sein. Weil die Reise kompliziert ist, gelingt das nur knapp. Jules Verne, „In 80 Tagen um die Welt“)
  • Epos (Die Heldin muss sich mehreren Prüfungen stellen. Aufgrund ihrer Entscheidungen verändert sie ihre Persönlichkeit und eventuell auch das Schicksal ihrer Welt. Jonathan Swift, „Gulliver’s Travels“)

Horror

  • unheimlich (Merkwürdige Dinge geschehen, doch das Böse zeigt sich erst ganz zum Schluss. Shirley Jackson, „The Haunting of Hill House“)
  • übernatürlich (Merkwürdige Dinge geschehen und das Böse wird schnell gefunden. Allerdings lässt es sich nur schwer besiegen. William Peter Blatty, „The Exorcist“)
  • unerklärlich (Merkwürdige Dinge geschehen. Doch das Böse ist so mächtigund geheimnisvoll, dass niemand es jemals aufdeckt oder gar besiegt. H.P. Lovecraft, „The Call of Cthulhu“)

Thriller mit viel Politik

  • Militär (Zwei oder mehr verfeindete Mächte versuchen, ein bestimmtes Ziel vor den anderen zu erreichen. Tom Clancy, „The Hunt for Red October“)
  • Politik (Verschiedene Menschen und Mächte arbeiten gegeneinander, um ihre jeweiligen politischen Ziele zu erreichen. Dies tun sie mit extremen Mitteln, z.B. Anschlägen. Frederick Forsyth, „The Day of the Jackal“)
  • Spionage (Ein Spion versucht eine Mission zu erfüllen, deren wahren Zweck er erst später erfährt. Niemandes Loyalität ist gewiss, jeder könnte ihn betrügen und ausliefern. Robert Ludlum, „The Bourne Identity“)

Thriller mit weniger Politik

  • Journalismus (Eine Journailistin ist einer Story auf der Spur, die jemand reichen und mächtigen in Schwierigkeiten bringen wird. Daher wird sie von allen Seiten verfolgt. Stieg Larsson, „The Girl with the Dragon Tattoo“)
  • Recht und Gesetz (Eine Zeugin und ihr Anwalt geraten in ein Tauziehen zwischen Polizei und Verbrechern. Dabei benutzen beide Seiten die Zeugin als Instument. Ihr Anwalt versucht, sie zu beschützen. John Grisham, „The Client“)
  • Finanz (Der Protagonist erhält die Kontrolle über sehr viel Geld. Allerdings stammt dieses Geld aus dubiosen Quellen. Dadurch macht er sich finanziell mächtige Feinde, die ihm an den Kragen wollen. Martin Bodenham, „The Geneva Connection“)
  • Serienmörder (Ein Unbekannter begeht eine Reihe von schrecklichen Morden. Demgegenüber steht eine Ermittlerin, die ihn vor dem nächsten Mord aufspüren muss. Thomas Harris, „The Silence of the Lambs“)

Thriller (fast) ohne Politik

  • Medizin (Eine geheimnisvolle Krankheit bricht aus. Im Folgenden muss ein genialer Arzt die Ursache finden, bevor die Krankheit zur Pandemie wird. Tess Gerritsen, „Life Support“)
  • Psychologie (Eine psychisch instabile Person wird in merkwürdige Umstände verwickelt. Sie glaubt, Geheimnisse aufzudecken. Allerdings ist sie sich aufgrund ihrer eigenen Instibilität nie sicher, ob die Enthüllungen echt sind oder sie normale Dinge falsch interpretiert. Paula Hawkins, „The Girl on the Train“)
  • häuslich (Die neue Nachbarin/ Kollegin/ Der neue Trainer im Fitnessstudio scheint das perfekte Leben zu haben. Aber je besser die Protagonistin ihn/sie kennenlernt, desto mehr häufen sich die Hinweise auf ein düsteres Geheimnis. Shari Lapena, „The Couple Next Door“)

Leistung

  • Sport (Eine Sportlerin oder ein Team wollen den großen Sieg holen. Dabei stehen ihnen die sportliche Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Chad Harbach, „The Art of Fielding“)
  • Kunst (ein Künstler/ Designer/ eine Theatertruppe will groß herauskommen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Maureen Johnson, „Suite Scarlett“)
  • Musik (ein Musiker/ eine eine Band will groß herauskommen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Jennifer Egan, „A Visit from the Goon Squad“)
  • Unternehmen (Die Protagonistin mächte ihre Firma oder Karriere zum Erfolg bringen. Dabei stehen die Konkurrenz, finanzielle Nöte oder ihre eigene Persönlichkeit im Weg. Margot Lee Shetterly, „Hidden Figures“)*
    *das ist ein Sachbuch. Ich hatte Schwierigkeiten, einen guten Roman zu finden, der ein Unternehmen oder eine Karriere als zentrales Thema hat. Filme und Serien finden sich dagegen reichlich: „The Devil Wears Prada“, „Mad Men“, „Girl Boss“, etc. Kennst du einen guten Roman, der eine Unternehmen oder eine Karriere als Thema hat? (muss nicht das Hauptthema sein). Wenn ja, dann schreib Autor und Titel in die Kommentare.

Kriegsroman

  • Propaganda (Es herrscht Krieg. Ein oder mehrere Protagonisten müssen ihre Rolle darin spielen. Schlussendlich sind sie dank des Krieges erfolgreich oder gehen seinetwegen unter. Die Geschichte hat eine Moral: Entweder „Der Krieg ist gerechtfertigt und wir müssen den Feind besiegen“ ODER „Krieg schadet allen Beteiligten und wir müssen ihn vermeiden“. Erich Maria Remarque, „Im Westen nichts Neues“.)
  • Zusammenhalt (Eine Gruppe von Soldaten muss im Krieg kämpfen. Sie überstehen ihn dank der Freundschaft, die sie miteinander aufbauen. Norman Mailer, „The Naked and the Dead“)

Gesellschaftsroman

  • häuslich (Eine Familie gerät in finanzielle, politische oder gesellschaftliche Nöte. Diese werden durch ein oder mehrere Familienmitglieder verursacht oder verschärft. Thomas Mann, „Buddenbrooks“)
  • politisch (Eine Gruppe innerhalb der Gesellschaft erfährt Unterdrückung. Ein oder mehrere Mitglieder der Gruppe kämpfen gegen diese Unterdrückung. Dadurch werden sie zum Anführer einen kleinen oder großen Revolution. Angie Thomas, „The Hate U Give“)

Liebesroman

  • Umwerben (der Protagonist ist verliebt. Der/die Geliebte erhört ihn, doch dann beginnen die Probleme erst. ODER die Protagonistin muss erst ihre eigene, wahre Persönlichkeit erkennen, bevor sie den/die Geliebte überzeugt. Helen Fielding, „Bridget Jones’s Diary“)
  • Obsession (Die Protagonistin ist verliebt. Sie setzt alles daran, dass ihr/e Geliebte/r sie erhört – ob er/sie will oder nicht. Die Geschichte nimmt kein gutes Ende. F. Scott Fitzgerald, „The Great Gatsby“)
  • Beziehungsprobleme (Die Protagonisten sind schon eine Weile zusammen. Die erste Verliebtheit ist verflogen und beide zeigen ihre wahre Persönlichkeit. Wird ihre Liebe diesem Sturm widerstehen? Jonathan Franzen, „The Corrections“)
  • Verbotene Liebe (Die Protagonisten lieben einander und wollen zusammen sein. Doch gesellschaftliche Normen machen eine Beziehung schwierig oder unmöglich. Annie Proulx, „Brokeback Mountain“)
  • Erotik (Der Protagonist entdeckt seine Sexualität (neu) und lebt sie aus. Dafür muss er sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien. Ingeborg Day, „Nine and a Half Weeks“)

Darf ich mehrere Genre auf einmal benutzen?

Ja, auf jeden Fall! die allermeisten Bücher sind zwei oder noch mehr Genres zuzuorden. Die Helden auf der Flucht vor einem Monster auf einer einsamen Insel wäre zum Beispiel Action-Horror. Zwei Polizeibeamte, die einen Mörder suchen und ihre Liebe für einander entdecken kann ein Erotik-Krimi werden. Auch Untergenres lassen sich oft nicht voneinander trennen: Da kommt ein drogenabhängiger Journalist einer Serienmörderin auf die Spur, kann sich aber am nächsten Tag nicht mehr erinnern, die Fotos und Notizen auf seinem Smartphone angefertigt zu haben. Boom, ein psychologischer Journalisten-Serienmörder-Thriller!

Bestimmte Romangenre, wie zum Beispiel das Leistungs-Genre wären für sich alleine ziemlich trocken. Eine bloße Beschreibung, wie eine Sportlerin trainiert und von Wettkampf zu Wettkampf besser wird, ist langweilig. Da muss eine psychologische Komponente rein: Warum will sie unbedingt gewinnen, welchen symbolischen Wert hat die Medaille/Trophäe/der Gürtel für sie? Oder man kombiniert es mit einem anderen Genre. (Mehr dazu findest du hier) Ein paar Beispiele:

  • sie ist besessen vom Ehrgeiz und stellt fest, dass auch die Goldmedaille sie nicht glücklich macht. Das führt sie auf eine Entdeckungsreise zu sich selbst.
  • Ihre Mutter wurde als Immigrantin nicht ins Nationalteam aufgenommen. Sie, die Tochter, macht nun den Traum ihrer Mutter wahr.
  • Das System ist korrupt. Alle dopen, jeder steckt mit drin. Sie muss in den Nationalkader, um die Korruption aufdecken zu können.

Warum sind Fantasy und SciFi keine Genre?

Die Welt, in der deine Geschichte spielt, hat etwas mit dem Realismus der Geschichte zu tun. Der Realismus trägt zum Genre bei, kann es aber nicht allein definieren. Eine Geschichte, in der zwei Leute von unterschiedlichen Planeten sich einander verlieben, obwohl die Planeten sich im Krieg miteinander befinden, wäre dem Romangenre Liebesroman – verbotene Liebe zuzuordnen. Eine Geschichte aber, die einem Spion in demselben Krieg folgt, könnte ein Thriller werden. Fans des ersteren fänden zweiteres vielleicht langweilig, und umgekehrt. „Ich schreibe Fantasy/ Ich schreibe Sci-Fi“ sagt deinen Lesern also ziemlich wenig über die Geschichten, die sie in deinen Büchern erwarten.

Und dann hätten wir da ja auch noch die inneren Romangenre. Die sind für viele Geschichten unverzichtbar. Hier findest du mehr dazu. Folgt mir auf Twitter oder Pinterest, um keinen Artikel mehr zu verpassen! Fallen dir verrückte Genre-Kombinationen ein, die bisher noch keiner geschrieben hat? Schreib deine Idee in die Kommentare!

Was bedeutet Show don't tell

Was bedeutet „Show don’t tell“?

In fast jedem Buch, Podcast oder Blog übers kreative Schreiben findet man den Rat „Show don’t tell“. Meist bezieht er sich auf Adjektive. Beispielsweise liest man oft, „Adjektive sind Totholz, schneide sie raus!“ Genauso stiefmütterlich behanden die Ratgeber Adverbien. Aber warum haut man Autoren ständig diese Regel um die Ohren?

Zunächst frischen wir einmal unser Schulwissen auf.

Adjektive

Adjektive sind „Eigenschaftswörter“. Das bedeutet, dass sie beschreiben, wie etwas ist. Beispiele: „Ein großer Mann“, „Das Wasser ist schmutzig

Das „etwas“ kann eine Person (Mann) sein, aber auch ein Gegenstand (Wasser). Allerdings können Adjektive auch etwas Abstraktes beschreiben. Zum Beispiel ein Gefühl. Und da stoßen wir auch schon auf ein Problem. Aber dazu gleich mehr!

Adverbien

Auch Adverbien beschreiben Eigenschaften. Allerdings die Eigenschaften von Verben. Anders ausgedrückt: Adverbien beschreiben, wie jemand etwas tut. Oder wie ein Gegenstand etwas tut. Beispiele: „‚Warte auf mich,‘ sagte sie schüchtern„, „Die Tür quietsche laut.“

Aber ich muss doch sagen, wie etwas ist!

Obwohl Adjektive und Adverbien so schön beschreiben, wie Dinge sind, soll man sie nicht verwenden? Warum denn bloß? Wie soll ich dem Leser denn sonst ein Gefühl für die Szene geben?

Zunächst einmal kann ich dich beruhigen: Natürlich darfst du Adjektive und Adverbien verwenden. ABER: Mache sie nicht zu deinen Sklaven! Bürde ihnen nicht die gesamte Last der Szene auf.

Was bedeutet Show don't tell

Adjektive alleine sind steril

Ich schreibe gleich mal einen kurzen Absatz. Darin werde ich genau das tun: Die Adjektive die ganze Arbeit machen lassen. Los geht’s:

Mit ernstem, melancholischen Blick schaute Yannis aus seinem kleinen, schmutzigen Fenster. Er konnte kaum den trüben, verdreckten Fluss sehen, der hinter seinem kleinen, ärmlichen Haus entlangkroch.

Hat dieser kurze Absatz dir ein Gefühl für die Szene gegeben? Wahrscheinlich hat er das, jedoch auf einer intellektuellen Ebene. Das Gefühl für die Szene musst du dir aus diesen sterilen Begriffen selbst ableiten. Auch ein Bild davon, wie es in Yannis‘ Umgebung aussieht, musst sich dein Gehirn erst erarbeiten.

Das Problem ist, dass die meisten Adjektive mehrere Dinge bedeuten können. „Schmutzig“ kann heißen, dass etwas dreckig ist. Genausogut kann es bedeuten, dass etwas anrüchig ist. „Verdreckt“ kann heißen, dass etwas mit Schlamm beschmiert ist. Aber auch, dass giftige Stoffe da sind, wo sie nicht hingehören. Unser Gehirn muss bei Adjektiven also erst einmal alle möglichen Bedeutungen abrufen. Am Ende muss es sich für eine davon entscheiden. Welche das ist, erschließt sich natürlich aus dem Zusammenhang. Aber unser Hirn macht diese Arbeit automatisch, wenn es einem Adjektiv begegnet. Du kannst es als Autor auch mit noch so vielen Nebeninfos nicht daran hindern. „Das erschließt sich doch aus dem Zusammenhang!“ ist also keine Ausrede dafür, deine Geschichte mit Adjektiven vollzuknallen.

Das Gehirn liebt Emotionen

Ich schreibe das Beispiel mal um:

Yannis musste sich bücken, um aus dem winzigen Fenster schauen zu können. Doch er sah ohnehin wenig, denn eine immerwährende Rußschicht lag von außen auf dem Glas. Das hatte Yannis der Fabrik zu verdanken. Sie hatte auch den Fluss hinter seinem Häuschen in einen langsam dahinkriechenden Abwasserkanal verwandelt. Yannis‘ Magen zog sich zusammen beim Gedanken, wie er als Kind in diesem Fluss geangelt hatte. Jetzt lebte dort nichts mehr.

Auf diese Weise formuliert bekommt der Leser viel mehr emotionale Informationen. Statt den Leser aufzufordern, „stell dir mal ein schmutziges Fenster vor“, beschreibe ich, warum das Fenster schmutzig ist. „Rußschicht“ und „Fabrik“ sind viel konkretere Informationen als „schmutzig“. Du erlaubst dem Leser damit, sich ein Bild vor seinem inneren Auge zu machen. Außerdem lädst du die Leser ein, eigene emotionale Informationen mit deiner Geschichte zu verweben. Eine Fabrik, die Ruß in die Luft schleudert und Flüsse unbewohnbar macht, ruft bei jedem unwillkürlich tief verwurzelte Emotionen hervor. Die bloßen Worte „schmutzig“, „trüb“ und „verdreckt“ tun das nicht.

Trotzdem verwende ich auch in der „besseren“ Version Adjektive (winzig, immerwährend) und Adverbien (langsam).

Show don’t tell!

Hier haben wir also ein klassisches Beispiel für diesen kryptischen Rat, den Autoren immer wieder bekommen: Show, don’t tell. Statt also mit einem Adjektiv zu sagen, wie etwas ist, beschreibst du die Umstände, die zu diesen Eigenschaften führten. Eben, weil du dann deinen Lesern erlaubst, Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben beim Lesen mit einzubringen. Emotionale Reaktionen rufen unmittelbar ein Bild in unseren Köpfen hervor.

Dadurch wird „Show, don’t tell“ zu einem wichtigen Werkzeug, wenn die Leserin sich an deine Geschichte erinnern soll. Hast du ihr lauter abstrakte Adjektive gegeben und ihr Hirn intelektuell arbeiten lassen, wird ihr die Geschichte trocken und distanziert vorkommen. Erlaubst du ihr aber, eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und Emotionen zu erleben, wird sie tief in die Geschichte eintauchen.

Wo ist das Problem bei Adverbien?

Ähnliches wie für Adjektive gilt für Adverbien. Auch sie drücken Dingen und Charakteren einen abstrakten Stempel auf. Dadurch machen sie dem Leserhirn ebenfalls zu viel Arbeit.

Mal ein Beispiel: „Ich wollte auch gerne mitkommen,“ sagte sie traurig. Das Adverb hier ist „traurig„. Doch woher weiß der Erzähler, dass der Charakter den Satz auf eine traurige Weise sagt? Das verrät er uns leider nicht. Die Leserin muss jetzt aus ihrer Erinnerung selbst hervorkramen, wie eine traurige Person aussieht und spricht. Denn du, lieber Autor, hast uns ja nur einen grauen Blob mit der Aufschrift „traurig“ gegeben!

Stattdessen könnte man schreiben: Mit gesenktem Kopf und leiser Stimme sagte sie, „Ich wollte auch gerne mitkommen.“ Diese Infos reichen völlig, damit es beim Leser sofort „Klick“ macht. Weil er die Situation vor sich sieht. Dadurch interpretiert sein auf Emotionen gedrilltes Hirn sofort, wie es der Sprecherin geht.

Show don’t tell ist gut fürs Hirn

Kurzum: Gibt dem Leser alle Infos, die er braucht, um die Situation selbst einschätzen zu können! Die Fähigkeit, Emotionen anderer aufgrund des Blicks, der Körperhaltung und der Stimme zu interpretieren haben wir Menschen schon viel, viel länger als die Worte, die diese Emotionen beschreiben. Diese Fähigkeit sitzt also viel tiefer im Gehirn und „funktioniert“ viel schneller als das Interpretieren von Wortbedeutungen.