Liebe deine Prokrastination

Aufschieberitis, innerer Schweinehund, Prokrastination. Jeder hat mal mit ihnen zu kämpfen. Für kreativ tätige Menschen können sie jedoch besonders zur Qual werden. Dabei wollen sie uns einfach nur beschützen! Darum funktioniert es meist nicht, sie mit Gewalt zu unterdücken. Hier sind ein paar Ideen, wie du die Prokrastination sanft besiegst.

Dein Beschützer: der innere Schweinehund

Du hast einen Schreibtag geplant. Oder eine Schreibstunde. Aber dann fällt dir etwas ein, was du unbedingt vorher erledigen musst. Dein Schreibtisch ist total staubig, das Brot ist fast alle und wolltest du nicht mal wieder einen Kuchen backen? Außerdem bist du ja noch so müde von deinem stressigen Tag gestern.

Gerade dann, wenn du wirklich loslegen willst mit dem Schreiben, wenn du dich selbst davon überzeugt hast, dass du es diesmal ganz ernst meinst, bringt dein Hirn tausend Ideen, warum du jetzt gerade doch lieber etwas anderes tun solltest. Warum tut dein Gehirn dir das an?

Meistens ist es Angst. Da ist die ziemlich bewusste Angst vor dem inneren Kritiker. „Das wird doch wieder total stümperhaft,“ sagt er zu dir, sobald deine Finger auf den Tasten liegen. „Du brauchst es gar nicht erst versuchen, du wirst nie so gut sein wie [Name des Liebleingsautors einfügen].“ Oder „Selbst, wenn es halbwegs lesbar wird, einen Agenten oder Verlag findest du doch nicht!“ Und so weiter. Der innere Kritiker ist ein Arschloch. Sorry, es ist einfach so.

Und dann gibt es noch die viel diffusere Angst, dass dein Leben sich radikal ändern könnte. Stell dir vor, du veröffentlichst deine Geschichte – wie und wo auch immer. Und dann liest sie jemand. Und hat eine Meinung darüber. Jetzt bist du „sichtbar“, da draußen in der großen, kalten Welt. Menschen, die du niemals getroffen hast, können sich eine Meinung über dich anmaßen. Und was ist, wenn du Erfolg hast, dein Buch bei einem Verlag unterbringen kannst? Dann musst du vielleicht irgendwo aus deinem Buch lesen. Bei einer Messe auftreten. Dann erwarten deine Leser womöglich ein zweites Buch!

All das sind tiefgreifende Veränderungen in deinem Leben. Und dein Hirn denkt sich, „Wieso soll ich Veränderung zulassen? Ist doch alles gut, wie es jetzt ist. Veränderungen bringen womöglich Gefahren! Da hab ich keinen Bock drauf.“ Darum versucht dein Gehirn, dich auszutricksen. Es lebt immer noch ein bisschen nach Höhlenmenschenstandards. So lange es ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und keine tödlichen Feinde hat, will es alles so behalten, wie es ist. Wenn du jetzt von außen versuchst, irgendetwas zu tun, was ein Leben verändert, wirft den Gehirn dir einen Stock zwischen die Füße. Nimm es ihm nicht übel, es will dich nur vor Gefahren schützen!

Den inneren Kritiker zum Schweigen bringen

Wie kriegt man diese fiese Type still? Da gibt es einen kleinen, aber wirkungsvollen Trick. Stell die Schriftfarbe in deinem Schreibprogramm auf weiß. Was dein innerer Kritiker nicht sieht, kann er oder sie nicht miesmachen. Klar, du wirst Tippfehler machen, aber die kannst du später korrigieren. Wenn du bemerkst, dass du ein Wort derart verhunzt hast, dass du später nicht mehr weißt, was es bedeuten sollte, mach ein paar Leerzeichen und beginne das Wort von vorne. Falls Du ein Programm benutzt, bei dem man die Schriftfarbe nicht ändern kann, schalte den Monitor aus oder lege ein Tuch darüber. Schreib, was du denkst, nicht, was du liest!

Zwang zur Kreativität?

Was aber, wenn du es gar nicht erst bist an die Tastatur schaffst? Welche selbsterstörerischen Gedanken du auch immer hast, die dich von Schreiben abhalten, du kannst sie abschalten. Mit etwas Übung und ganz wenig Zeit.

Viele von uns machen sich selbst fertig, wenn sie nicht schreiben. In unserem Kopf beschimpfen wir uns als faul, als unkreativ, als Versager. So versuchen wir, uns selbst an die Tastatur zu prügeln und ein paar hundert Worte aus uns herauszupressen. Aber unter diesem Zwang wird das, was wir schreiben, nicht gut. Oder wir haben erst gar keine Idee, was wir überhaupt schreiben können.

Dann haben wir nur noch mehr Grund, uns selbst zu verfluchen. Und unser Gehirn bekommt das Signal „Wenn ich zu schreiben versuche, fühle ich mich Scheiße“. Worauf dein Gehirn antwortet, „Habe ich es doch gewusst, Schreiben birgt Gefahren! Aber keine Angst, in Zukunft gebe ich mir noch mehr Mühe, dich davon abzuhalten.“

Auf diese Weise treibst du dich selbst immer tiefer in die Spirale der Prokrastination. Bist du das kreative Schreiben aufgibst, vielleicht für ein paar Jahre, vielleicht aber auch für immer.

Entdecke die Liebe zum kreativen Schreiben neu

Was ist also der Trick, deinen inneren Schweinehund liebevoll zu besänftigen, statt ihn zu prügeln? Betrachte ihn als einen echten Hund. Oder eine Katze. Oder einen Drachen. Oder dein Krafttier. Ganz egal, Hauptsache, du begegnest ihm liebevoll. Eine Katze bekommt man stubenrein, indem man sie immer wieder aufs Katzenklo setzt, wenn sie irgendwo hinmacht. Genauso musst du auch deinen inneren Schweinehund langsam (wieder) ans Schreiben gewöhnen. Ihm zeigen, dass kreatives Schreiben was ganz normales, harmloses ist.

Das kannst du tun, indem du jeden Tag nur ganz kurz, nur zehn Minuten lang schreibst. Sag deinem Gehirn, „Hey, ich schreibe jetzt was. Aber es wird mein Leben nicht verändern, es sind ja nur zehn Minuten.“ Suche dir Schreibübungen aus, die banal sind. Nimm dir nicht vor, jetzt in diesen zehn Minuten die erste Szene deines Familienepos zu schreiben, das du schon zwölf Jahre lang planst. Nein, schreib was Unbedeutendes.

Schreib eine Liste. Schreib zehn Minuten lang alle Worte auf, die du doof findest. Morgen schreibst du dann zehn Minuten lang alle Worte auf, die du schön findest. Am Tag danach denkst du dir Sachen aus, die jemand auf dem Dachboden seiner Oma findet. Und so weiter. Demnächst blogge ich mal eine Liste mit zehn-Minuten-Schreibübungen.

Schreibübung: Dein innerer Kritiker — die Origin-Story

Unser mieser, fieser innerer Kritiker ernährt sich von unseren eigenen Traumata. Das können große Dinge sein, die dir in der Kindheit passiert sind und dich schon immer belasten. Es kann aber auch etwas ganz kleines sein, woran du dich jetzt gerade kaum erinnerst. Wovon dir gar nicht bewusst ist, dass es deinen inneren Kritiker nährt.

Komme ihm auf die Schliche! Hier ist eine Übung, die dir dabei hilft: Stell dir vor, dein innerer Kritiker ist ein kleiner Dämon, der in einer Firma von inneren Kritikern arbeitet. Er muss täglich ein bestimmtes Pensum Leid und daraus resultierende Prokrastination bei dir erzeugen, sonst kriegt er kein Weihnachtsgeld. Dieser Dämon hat aber gerade erst seine Lehre beendet und du bist erst seit kurzem sein Klient. Sein Vorgänger ist in Rente. Dieser Vorgänger weiß alles über dich. Netterweise schreibt der Renter dem jungen Dämon einen Brief, in dem er ihm genau erklärt, was tief in dir wütet und dich ausbremst.

Der Brief beginnt so:
„Lieber [Name des Jungdämonen einfügen],
„Es ist ungemein wichtig, dass du [deinen Namen einfügen] vom Schreiben abhälst. Am besten funktioniert das, indem du ihn/sie daran erinnerst, wie…“

Den Rest schreibst du! Stelle dir auch hier einen Timer für zehn Minuten. Es ist wichtig, dass du nicht großartig nachdenkst, sondern einfach drauflostippst oder kritzelst. Beim Schreiben kommt viel mehr aus dem Unterbewusstsein hoch, als beim Nachdenken. In einem folgenden Blog werde ich mal meinen eigenen „Dämonenbrief“ veröffentlichen. Ich war wirklich überrascht, was ich über mich gelernt habe!

Fazit: Liebe und Geduld machen dich zum Autoren

Denk immer daran: dein innerer Schweinehund will dich vor einer imaginären Gefahr bewahren. Zeige ihm langsam und geduldig, dass er sich vor dem Schreiben nicht zu fürchten braucht.

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